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Theaterkritik: Von Alter und Tod

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THEATRE
Pavel Losevsky via Getty Images
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Tankred Dorsts „Das Blau in der Wand" in Recklinghausen uraufgeführt

RECKLINGHAUSEN. "Das Blau in der Wand" ist ein Alterswerk; Tankred Dorst hat ein Stück über den Zerfall und den Tod geschrieben und über die Vorstellung, die wir uns davon machen. Drei Figuren treten auf, im Vordergrund ein Paar.

Der Mann wirbt um die Frau, sie gehen eine Verbindung ein, streiten, machen sich Sorgen um den Sohn. Der Mann möchte künstlerisch produktiver sein als er ist - dann kommen Schwächeanfälle. Er stürzt. Gegen Schluss braucht er einen Stock.

Er ist ebenholzschwarz, geschmückt mit einem Silberknauf, genau wie der Stock, auf den sich Tankred Dorst lange Jahre stützte und auch heute noch stützt. Dorst denkt über sein Leben nach - und sein Sterben - er ist jetzt schon über neunzig.

Der Schein trügt, wie die Erinnerung

Heinz Hauser hat das Bühnenbild entworfen - er spannt mit weißen Fäden Ebenen auf, die nie parallel sind, sondern sich gegenseitig durchkreuzen - ein Bild von menschlichem Bewusstsein: Niemand weiß genau, was richtig, was falsch ist. Dorst war immer schon ein radikaler Skeptiker, nicht nur in Bezug auf das menschliche Erkenntnisvermögen.

Erinnerung trügt. - Auf dem Boden laufen weiße Linien zentral hin zu einem Punkt auf der Hinterbühne des Kleinen Hauses in Recklinghausen, auf der die Uraufführung am Mittwoch über die Bretter ging, die die Welt bedeuten.

Dieser Punkt, auf den die Linien zueilen, ist der Tod. Der Tod steht auch am Ende des kurzen, nur fünf Viertelstunden langen Stücks. - Niemand weiß, wie der Künstler stirbt oder sterben wird: Ob er sich einen schrecklichen Unfall vorstellt oder ob er unspektakulär ins Dunkel gleitet. Das Blau in der Wand - nur verborgen von einer dünnen Schicht weißer Farbe. Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen.

Ehrung eines edlen alten Theaterrosses

Dorst hat es sich nicht nehmen lassen, selbst zur Uraufführung nach Recklinghausen zu kommen - und das Publikum applaudierte ihm herzlich. Er hatte nicht genug Kraft, auf die Bühne zu steigen, Intendant Frank Hoffmann half dem Dramatiker, sich aus seinem Parkettsessel zu erheben. Die Energien schwinden.

Das ist auch dem „Blau in der Wand" anzumerken - weder Regisseur David Mouchtar-Samorai noch den beiden Hauptdarstellern gelang es, dem Text Leben einzuhauchen. Er wirkte kraftlos, zerfahren, temperamentlos. Mitunter unkonzentriert.

Das Publikum applaudierte höflich, Respekt für den greisen Dichter, Respekt für Karin Pfammatter und Heikko Deutschmann, zwei großartige Schauspieler, die taten, was sie konnten. Dennoch, trotz allen guten Willens: Ein Erfolg wurden weder dieses Stück noch seine Uraufführung. Tankred Dorst kann auf ein reiches Œuvre zurückblicken - er sollte sich in seinen Großvatersessel setzen statt an den Schreibtisch, in alten Theatertriumphen schwelgen, ein bisschen auf die Jungen schimpfen und den ein oder anderen fördern - und es dabei belassen.

Ulrich Fischer

Aufführungen am 9. und 10. Juni. Spieldauer: 70 Min.
Kartentelefon: 02361 9218 - 0 - Internet: www.ruhrfestspiele.de
"Das Blau in der Wand" ist eine Koproduktion mit dem Schauspielhaus Düsseldorf und wird nach den Ferien dort übernommen. Düsseldorfer Premiere: 1. Okt.

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