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Shakespeare im Schlamm

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Statt „Sturm" ein laues Lüftchen bei den Salzburger Festspielen

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Peter Simonischek (Prospero) und Sara Tamburini (Miranda) - Foto: Monika Rittershaus

SALZBURG. Deborah Warner schickt ihrer Neuinszenierung von Shakespeares „Sturm" für die Salzburger Festspiele im Programmheft eine Bemerkung voraus: „Die Figuren werden grundlegend verwandelt", notiert die britische Regisseurin, diese „Transformation macht auch vor Prospero selbst, dem Urheber des Sturms, nicht halt. Die heilende Kraft von Wandlung und Erkenntnis - das ist das Herz des Sturms."

Eine irreführende Interpretation. Wie sollen Wandlung und Erkenntnis das tiefe Zerwürfnis zwischen Prospero, dem alten Zauberer, und seinem Sklaven Taliban, den er unterworfen, gedemütigt und beraubt hat, heilen? Die harmonistische Illusion Deborah Warners überzuckert das Schauspiel - die größte Schwäche dieser Inszenierung. Gerade in unserer Zeit sollten wir Konflikte nicht verharmlosen.

Dazu kommt eine Fülle von anderen Mängeln: Wie üblich sind die Rüpelszenen schrecklich langweilig; die Witze zünden nicht. Und besoffene Männer sind nicht wirklich komisch, mehr peinlich. Jens Harzer, ein ausgezeichneter Schauspieler, wird als Caliban von der Regie in das Korsett eines gefährlichen Wilden gepresst - der Mime kann einem leidtun. Und Sara Tamburini ist zwar hübsch, hat eine mädchenhaft-frische Ausstrahlung, aber als Miranda, Prosperos Tochter, ist sie schauspielerisch heillos überfordert. Die junge Aktrice hat (noch) keine überzeugende Gestik entwickelt, statt dessen fuchtelt sie hilfsweise mit den Armen und kämpft entschlossen, aber wenig erfolgreich mit den Tücken der Akustik auf der Perner-Insel in Hallein (eine alte Saline).

Deborah Warner hat die schlechte Tradition ihres Landes im Umgang mit Klassikern, das hohe und hohle, falsche Pathos des Staatstheater und der RSC (Royal Shakespeare Company) nicht überwunden; alles klingt gekünstelt - wenn nicht Peter Simonischek wäre. Simonischek spielt souverän, unaufgeregt, findet den rechten Ton und zieht fast mühelos den Karren aus dem Dreck, in den ihn Deborah Warner zielsicher gelenkt hat.

Die Wende

Es dauert lange, bis der Ärger über so viele vermeidbare Fehler verfliegt, aber zum Ende wird die Inszenierung ansehbar(er). Am Schluss steht Simonischek allein auf der Bühne und spricht den Epilog. Momente der Klugheit, poetischer Einsicht, abseits aller abwegigen harmoniesüchtigen und konfliktscheuen Regisseurinnentheorien, nahe bei Shakespeare. Für die Inszenierung ein gefährlicher Augenblick, weil er zeigt, an welchem Maßstab die ganze Aufführung gemessen werden sollte.

Das Publikum aber war mehr als zufrieden - kurzer, aber begeisterter Beifall.
Ulrich Fischer

Aufführungen am: 2., 4., 5., 7., 9., 10., 12., 13., 15., 16., 18., 19. und 21. August. Die Inszenierung dauert 3 Stunden 10 Minuten.