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Theaterkritik: Die Angst vor dem Fremden

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FALK RICHTER
ullstein bild via Getty Images
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Falk Richters "Fear" in Berlin uraufgefĂĽhrt

BERLIN. Falk Richter blättert in seinem neuesten Stück „Fear" einige Facetten der aktuellen Furcht auf - er beginnt mit der Angst vor den Fremden. Zu ohrenbetäubendem Heavy Metal Rock sind im Hintergrund Videos von einstürzenden Wohnblocks zu sehen - sie werden gesprengt. Wir Zuschauer sehen den Moment der Erschütterung - dann den Zerfall.

Die Videos bebildern die Angst einiger Mitbürger, das Vaterland werde zerfallen wie die Gebäude, weil die Fremden kommen. Sie werden uns unsere Kultur (Weihnachten) wegnehmen, sie werden uns ihre Kultur aufzwingen, sie werden uns unterwerfen. Aber die Bebilderung legt nahe, dass die Mitbürger schrecklich übertreiben, ihre Furcht unbegründet ist.

Angst vor dem RĂĽckschritt

Die andere Facette dieser Angst ist die der liberalen Städtebewohner vor den zurückgebliebenen Reaktionären. Hier begehen Falk Richter, verantwortlich für das Stücke, die Inszenierung und die Choreographie, und sein Ensemble (sechs Herren, zwei Damen) den Fehler, den sie den Rechten (zu Recht) vorwerfen: Sie übertreiben die Gefahr, deshalb wirkt auch ihre Angst übertrieben.

Die Uraufführung am Sonntag in der Berliner Schaubühne nimmt vor allem Damen der AfD ins Visier. Ihre Kritik richtet sich gegen Formen der Sexualität, die von konventionellen Vorstellungen abweichen. Mann & Frau zeugen Kinder, so soll, so muss die Familie aussehen, alles was darüber ist, ist von Übel. Kurz vor Schluss tritt eine ehemalige Herzogin von Oldenburg in einer Szene wie in einem komischen Horrorfilm auf, die ihren verstorbenen Großonkel, einen Minister aus Hitlers Kabinett, beschwört und bittet, sie zu befruchten. Sie will seine Ideologie zu neuem Leben erwecken, um dem deutschen Volk Nachwuchs und Dauer zu bescheren.

Ungenau

Die Szene entgleitet, weil allzu viel geschrien wird; aber auch inhaltlich ist sie anfechtbar. Die Propagierung der Heiligen Familie, die Beschränkung von Sexualität auf die Zeugung von Kindern, ist zwar Bestandteil nationalsozialistischer Ideologie, aber sie gehört auch zu Kernauffassungen des Katholizismus. Wenn im Stück beklagt wird, man wisse nicht, wie die Gedankenwelt der Nazis heute wiederauferstehen könne, so erscheint das naiv und geschichtsvergessen.

Diese Auffassungen wurden auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs fröhlich weiter propagiert. In der Bundesrepublik Deutschland bestand der § 175 bis 1969 in der von den Nationalsozialisten verschärften Fassung weiter. Da muss niemand bis in die Nazizeit zurückgehen, da kann er an die Adenauerära anknüpfen.

Die Intention der StĂĽckeschreiber ist gut und zu loben - es geht gegen Dumpfbacken von rechts - aber die AuffĂĽhrung ist so ungeschickt, laut und so wenig analytisch, dass den Zuschauer immer wieder das ungute GefĂĽhl beschleicht, hier werde mit Kanonen auf Spatzen geschossen. Ăśberdies fehlt kĂĽnstlerische Sorgfalt, die Inszenierung erinnert streckenweise, vor allem in den Tanzszenen, an entfesseltes, ungemeistertes Studententheater.

Eine Stoffsammlung, work in progress, an der Schaubühne hätte ich mehr erwartet. Und von Falk Richter, einem begnadeten Polemiker und Dramatiker auch. "Fear" ist, soweit ich sehe, sein bislang schwächstes Stück.

„Fear"- Angst - ist kein guter Berater. Mehr Analyse, kaltes Blut, vielleicht auch mehr Gelassenheit helfen weiter.

Wir können das schaffen.

SchaubĂĽhne: AuffĂĽhrungen am 27., 30. und 31. Okt.; 3., 4., 7. und 8. Nov. - Spieldauer: 2 Std.

Kartentelefon: 030 890023

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