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Salzburger Dreigroschenoper keinen Pfifferling wert

12/08/2015 19:11 CEST | Aktualisiert 12/08/2016 11:12 CEST
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Verharmlost

SALZBURG, eines der ältesten Sommerfestivals unseres alten Kontinents, hat, trotz des Spottes, den es ertragen muss, immer noch einiges Renommee. Es wurde nach dem Ersten Weltkrieg gegründet und sollte helfen, einen neuen Geist der Versöhnung und der Verständigung zu begründen.

Heute gilt Salzburg Kritikern als ein Festivals der Reichen und mehr oder minder Schönen. Deshalb reibt man sich die Augen, dass in diesem Jahr ausgerechnet Brechts gesellschaftskritische Dreigroschenoper auf dem Programm steht.

Es ist doch sehr die Frage, ob angesichts des Lieds der Seeräuberjenny, die davon träumt, den Reichen den Kopf abschlagen zu lassen, nicht das ein oder andere Sektglas in der Pause ins Zittern gerät.

Neufassung

Der genaue Titel, unter dem die weltberühmte Dreigroschenoper in Salzburg am Dienstag zur Aufführung kam, lautet: "Bertolt Brecht/Kurt Weill. Mackie Messer - eine Salzburger Dreigroschenoper".

Regie geführt haben Julian Crouch, der in der englischsprachigen Welt Epoche gemacht, aber sich auch auf dem Kontinent und in den Vereinigten Staaten einen Namen gemacht hat, und Sven-Eric Bechtolf, in Salzburg bislang nicht durch eine glückliche Hand sonderlich aufgefallen.

Sie lassen gleich anfangs die Moritat vom Haifisch, der die Zähne im Gesicht trägt, nicht von einem armen Drehorgelspieler in Lumpen singen, sondern von einer Soubrette in rotem Samt. Die Stimme ist rein. Diese Abweichung von der Tradition zeigt eine Tendenz an, die die ganze Inszenierung prägt.

Es wird verharmlost: Was grimmig war, wirkt jetzt neckisch, mitunter goldig. Der Sarkasmus der Szene am Ende, wenn des Königs reitender Bote kommt, um Macheath vom Galgen zu retten, wird in Salzburg in einen Auftritt des Corps übersetzt - die TänzerSängerSchauspieler im Hintergrund tragen Pferdchenkostüme und tun so, als kämen sie auf die Bühne galoppiert. Dem Witz wird der Stachel durch Harmlosigkeit gezogen.

Die Schauspieler gaben sich Mühe, waren aber (trotz elektronischer Verstärkung) stimmlich oft überfordert, besonders Michael Rotschopf als Macheath, der am Ende nicht mehr frisch und kraftvoll wirkte.

Selbst ein großartiger Komödiant wie Graham F. Valentine konnte Jonathan Jeremiah Peachum, den Bettlerkönig und Gegenspieler von Mackie, nicht überzeugend konturieren. Valentine rollte das Rrrrr intensiv, extensiv und manchmal auch expressiv, anfangs war das erheiternd, die Wirkung nutzte sich aber bald ab.

Zu viel Zucker, zu viel Sahne

Valentines Peachum erinnerte an eine Figur aus Dickens' „Oliver Twist", Fagin, den Chef einer Diebesbande - Kevin Pollard ließ sich bei seinen Kostümentwürfen häufig von literarischen Gestalten des 19. Jahrhunderts anregen.

Julian Crouch hatte nicht nur zusammen mit Sven-Eric Bechtolf Regie geführt, er hat auch das Bühnenbild entworfen. Es entsprach der Neigung zum Üppigen, Opulenten, gewann aber mitunter an Prägnanz. Als das Lied von der Seeräuber-Jenny gesungen wird, gibt es Elemente des armen Theaters - ein Schiff mit mindestens sechs Segeln erscheint auf einem Wandschirm als Schattenriss.

Solche Momente zeigen, was mit dem Titel „Dreigroschenoper" gemeint sein könnte - eine Abwendung vom Opulenten, Reichen, Üppigen des konventionellen Musiktheaters.

Aus Brechts Parodie einer Oper soll offenbar in Salzburg wieder eine Oper werden, was Kassennützliches fürs Repertoire. Und es klappt - als Macheath am Ende fragt: „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?", gibt es nur schlappen Gesinnungsapplaus in der riesigen Felsenreitschule - die übrigens mit ihrer monströs breiten Bühne ein Grund sein dürfte, für die offensichtlichen und nicht hinreichenden Mühen des harmoniesüchtigen Regieduos.

Martin Lowe hat eine neue musikalische Adaption komponiert, die Kurt Weills Partitur glättet, harmonischer klingt, den Spott besänftigt und die Aggressivität mildert. Holger Kolodziej am Pult hätte mehr Rücksicht auf die Sänger nehmen sollen, mitunter spielte sein Orchester, das Ensemble 013, zu laut und deckte die Sänger zu.

Licht & Schatten

Am Ende, als der Schlussapplaus schon verklungen ist, kommt ein Teil des Ensembles noch einmal auf die Bühne und singt die Schlussstrophe der Mackie-Messer-Moritat: „Denn die einen sind im Dunkeln/Und die andern sind im Licht./ Und man siehet die im Lichte/Die im Dunkeln sieht man nicht." Das war einer der ganz seltenen bewegenden, echt wirkenden Momente dieser mit über drei Stunden wenigsten eine halbe Stunde zu langen Produktion.

Die alte Brecht/Weill-Fassung hat mehr Biss, sie ist besser. Die neue mildert ab, ist versöhnlich. Die Firma Swiss Re hat, wie sie auf dem Titelblatt des Programmheftes vermerken lässt, die Produktion unterstützt. Dies dürfte Theater im Sinn mächtiger Firmen sein - die Investition hat sich gelohnt.

Ulrich Fischer

Internet: www.salzburgfestival.at


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