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Salzburg First

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Austriakische Selbstüberschätzungen zum Auftakt der Festspiele

EUROPA. Markus Hinterhäuser legte im Gespräch mit dem Deutschlandfunk Wert darauf, den Rang der Salzburger Festspiele zu betonen: Sie seien "ganz unzweifelhaft die ausstrahlungskräftigsten und größten Festspiele der Welt". - Einen Grund gibt es, Hinterhäuser(!) diese flagrante Fehleinschätzung zu verzeihen: als neuer Intendant der Salzburger Festspiele muss er sie bewerben. Aber werch ein Illtum!

Salzburg trägt tatsächlich im Vergleich mit anderen europäischen Sommerfestivals die rote Laterne.

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Bayreuth, da hat Hinterhäuser allerdings Recht, Bayreuth zählt nicht mit. Das liegt in der Begrenzung: Dort wird das Werk eines Komponisten gepflegt, nur dessen Opern werden wieder und wieder aufgeführt und neu inszeniert. Aber die Beschränkung auf Wagner schleudert Bayreuth aus dem Wettbewerb - wegen mangelnder Vielfalt. Anders ausgedrückt: wegen Einfalt.

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Aber kann Salzburg denn mit dem Festival d'Avignon mithalten? Avignon hat schon wegen seiner bevorzugten Lage Pluspunkte, oft wird in der milden provençalischen Nacht unter freiem Himmel gespielt - das ist in Salzburg die Ausnahme. Die Oper ist in Avignon nach Aix ausgelagert, dafür glänzt das Schauspielprogramm unvergleichlich reicher. In Salzburg sitzt das Schauspiel am Katzentisch. Wer in Salzburg nach einer Schauspieluraufführung sucht, sucht vergeblich. In Avignon prunkt sogar der Chef mit einer Uraufführung. Olivier Py hat nicht nur "Les Parisiens" ("Die Pariser") geschrieben, er hat diese scharfe Attacke auf die französische Hauptstadt und das Kulturleben auch selbst inszeniert. Hinterhäuser ist Pianist. Py aber Dramatiker, Regisseur und Schauspieler!

Überdies ein profilierter Vertreter des französischen katholischen Volkstheaters - er stellt sein Programm in der Tradition von Jean Vilar zusammen, das Ziel: Aus dem kleinen Kreis der Kenner einen großen zu machen. Avignon hat eine Mission - das weist auf die Achillesferse Salzburgs hin: seinen Elitismus.

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Edinburgh gründete nach dem Zweiten Weltkrieg sein Festival nach dem Bilde Salzburgs. In diesem Jahr ist das Programm in Schottland vielfältiger als das des Vorbilds - und auch in Edinburgh entwickelt das Schauspielprogramm mehr Ausstrahlungskraft als das an der Salzach. Am Firth of Forth wirbt man mit einer Uraufführung. Alan Ayckbourns "The Divide" ("Die Trennung", "Die Teilung") - dem hat Salzburg nichts gleichwertiges entgegenzusetzen. Und Edinburgh hat einen beachtenswerten Tanzteil. Salzburg bietet Terpsychore kein Obdach.

Aber das Edinburgh International Festival leidet, wie das Salzburger, unter Elitismus. Das hatte bald nach der Gründung des International die Folge, dass Künstler, die nicht eingeladen wurden, sich ausgeschlossen fühlten, ein Gegenfestival gründeten: Das Fringe. Freie Gruppen kommen nach Edinburgh und die besten versuchen, Feuerchen unter den Thronen der Arrivierten anzufachen. Hier finden sich neue Ansätze, junge Leute, als Künstler wie im Publikum - eine wunderbare Vielfalt. Vergleichbares gibt es in Salzburg nicht.

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Und die Ruhrtriennale? Mit ihrem avantgardistischen Programm? Ist das nicht eine echte Alternative? Ein Sprung ins 21. Jahrhundert anstatt Lordsiegelbewahrer ein Tradition, die nicht müde wird, sich für bewährt zu erklären?

Salzburg First? Vielleicht für Pianisten. Wer nicht engherzig oder -stirnig ist, entscheidet sich gegen America First oder Salzburg First. Auch Schottland hat schöne Töchter und in Frankreich gibt es nicht nur in Paris große Kunst.

Salzburg, Salzburg unter anderm.
Ulrich Fischer