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Ruhrfestspiele werden 70

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RUHRFESTSPIELE
dpa
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Auftakt in Recklinghausen geglückt

RECKLINGHAUSEN. Die Ruhrfestspiele beginnen ihr künstlerisches Programm mit Goldonis "Diener zweier Herren". Die Wahl von Intendant Frank Hoffmann (62) hätte glücklicher kaum ausfallen können.

Volkstheater

Gerade bei der 70. Ausgabe weist die künstlerische Leitung noch einmal ebenso subtil wie nachdrücklich auf den Ursprung und die Tradition der Ruhrfestspiele hin: Volkstheater. Die Gründerlegende erzählt, dass nach dem Krieg im Winter Hamburgs Theater leer blieben, weil es so kalt war. Hoffnungsvoll reisten ein paar einfallsreiche Künstler ins Ruhrgebiet und fanden bei Bergleuten Sympathie und Hilfe.

Die Kumpels "organisierten" an den Besatzern Kohle vorbei an die Elbe, die Künstler heizten ihre Zuschauerräume und die Kassen klingelten. Die dankbaren Theaterleute vergaßen die Kumpels nicht, fuhren im Frühling nach Recklinghausen und spielten vor den Bergleuten und ihren Familien. Das war die Geburtsstunde der Ruhrfestspiele. Noch heute ist der Deutsche Gewerkschaftsbund einer der Träger des Festivals.

Der Geist des Volkstheater ist bis heute lebendig. Goldonis (1707 - 1793) "Diener zweier Herren" gilt als Juwel der Commedia dell'arte, der weltberühmten Spielart des italienischen Volkstheaters, und der Held, der "Diener zweier Herren", weist auf die prekäre Lage der arbeitenden Menschen hin - da hat sich seit der Uraufführung (mutmaßlich 1746) in Mailand grundsätzlich wenig geändert: wer als Arbeitnehmer(In!) leben will, muss zwei Jobs haben und schlau sein gegenüber den eingebildeten, reichen, geizigen, engherzigen und -stirnigen Herren, um sich erfolgreich durchzumuddeln.

Gut geplant!

Intendant Hoffmann krönte seine kenntnisreiche Wahl mit einem Kooperationspartner, der die Spitze deutschsprachiger Theaterkunst repräsentiert, dem Burgtheater aus Wien; gewann den Leiter des Münchner Volkstheaters, Christian Stückl, als Regisseur - ein Erneurer des Oberammergauer Passionsspiels und derzeit der profilierteste Vertreter des katholischen Volkstheaters in Deutschland. Das Ensemble war brillant, es gelang überraschend Mavie Hörbiger noch Markus Meyer, der den „Diener" spielte, zu überflügeln.

Meyer legte ein irres Tempo vor und riss das Publikum mit; dieser Truffaldino sprach von Gewerkschaften und Tarifvertrag - die ersten Lacher brachten das Publikum in Schwung. Mavie Hörbiger verkörperte Smeraldina, ein Kindermädchen. Sie ist mit Hässlichkeit geschlagen und rächt sich, indem sie Feministin wird.

Bei einer Schmährede gegen die Männer, die sie bedrohte, sie ihres besten Teils in einem Blutbad zu berauben, applaudierte ein Teil des Publikums lustvoll - mutmaßlich der weibliche. Grässlicher als meine schlimmsten Kastrationsängste! Mavie Hörbiger raste so überzeugend, dass sie Szenenbeifall für sich verbuchen konnte. Peter Simonischek spielte Pantalone, den alten Herren, er sah so vertrauenserweckend aus wie der altgewordene Mackie Messer, inzwischen Vorstandsvorsitzender geworden mit der alten ungezügfelten kriiminellen Energie.

Die Maske hatte dem blendend aussehenden Schauspieler ein gigantisches Gebiss verpasst, das ihn grotesk entstellte - schon das Gehege seiner Zähne verführte zum Lachen. Immer wieder überschritten Derbheiten und sexuellen Anzüglichkeiten alle Grenzen des guten Geschmacks - wie es sich für starkes, saftiges Volkstheater gehört.

Die Traumkonstellation RuhrfestspieleBurgtheaterGoldoni fand ihre Vollendung in einer makellosen, heiteren, geistreichen Inszenierung, die das Publikum am Dienstag in Recklinghausens Festspielhaus zu begeistertem, nicht enden wollendem Beifall und lautem Jubel hinriss. Italianità auf Recklinghausens grünem Hügel.

Die Ruhrfestspiele dauern sechs Wochen; bis zum 19. Juni bieten sie in Recklinghausen und um zu Theater für Junge und Alte, Männer und Frauen, Kenner und solche, die es werden wollen. Neben der Pflege der Tradition steht die Suche und Förderung des Neuen: In einer Serie werden sage und schreibe sechs (!) Uraufführungen (!!) angekündigt. Die Ruhrfestspiele bleiben ihrem Ziel treu: Kunst für alle!

Der Start ist über alle Erwartung gelungen, die Festspiele haben Wind unter den Flügeln. Glückauf!

Ulrich Fischer

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