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Rückschritt

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„Die Schutzflehenden/Die Schutzbefohlenen" bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

RECKLINGHAUSEN. „Die Schutzflehenden" von Aischylos, etwa 463 v. Chr. entstanden, werden selten gespielt. Das uralte Drama wirkt befremdlich, weit weg - aber in der Zusammenstellung des Schauspiels Leipzig mit den „Schutzbefohlenen" von Elfriede Jelinek gewinnt es überraschend aktuelle Aspekte. 50 Jungfrauen sind aus Ägypten geflohen und suchen Zuflucht in Griechenland. Der König schwankt: soll er dem göttlichen Gesetz folgen und Asyl gewähren, oder soll er nicht besser sein Volk fragen, weil die Bürger vor den Folgen Angst haben könnten? - Die Humanität obsiegt, die Mädchen dürfen bleiben.

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Foto: Bettina Stöß

Gleich danach, ohne Pause, folgen Jelineks „Schutzbefohlene". Von dem heiligen Gesetz der Götter ist bei uns heute wenig übriggeblieben. Die österreichische Nobelpreisträgerin zeichnet uns Zeitgenossen als faul und vollgefressen, ganz ohne Einfühlungsvermögen, egoistisch, ohne Herz. Auch die Kunst ist völlig korrumpiert - dieses Bild ist vielleicht das herausfordernste und szenisch glücklichste der Aufführung. Ein schwerer Männerspieler hat sich in ein viel zu enges feuerrotes Kostüm einer Sopranistin gezwängt und verkörpert eine Sängerin, die hingebungsvoll von Liebe und Tod singt. Die Musik kommt vom Band, die „Diva" wirkt grotesk. Dabei schreitet sie durch ein Meer von Flüchtlingen, die auf dem Boden liegen, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Das Bild spricht: diese Art Kunstpflege erzeugt falsche Sentimentalität, die wirklich Leidenden lässt sie unbeachtet.

Enrico Lübbe führt Regie - aber ihm fehlen Energie und die Lust an der Provokation, die Wut über den schrankenlosen Eigennutz, die Jelineks Texte befeuern. Seine Inszenierung wirkt hölzern, vor allem aber oft schwerfällig. Das liegt an Lübbes Grundsatzentscheidung, große Chöre einzusetzen. Die Choristen (Einstudierung und Leitung: Marcus Crome) sprechen gut, Respekt!, sind aber auf der Bühne kaum zu bewegen - die Auftritte dauern zu lang und die Abtritte noch länger.

Schade, dass die Inszenierung über weite Strecken misslang, das Konzept war überzeugend. Das Argument liegt auf der Hand: In Sachen Menschlichkeit haben die alten Griechen uns in Europa heute einiges voraus, unser Mangel an Einfühlungsvermögen ist ein flagranter Rückschritt. Seit Elfriede Jelinek vor vier Jahren ihren Text schrieb, hat sich das Asylproblem weiter zugespitzt. Ihr Text, 2016 noch dringlicher, bedeutsamer geworden, glänzt immer wieder mit Fügungen, Paradoxen, die ebenso zum Schmunzeln reizen wie zum Nachdenken anregen. Das letzte Wort, das die Dramatikerin den Flüchtlingen zuweist, hat Gewicht: „Wir sind gekommen,/Doch wir sind gar nicht da."

Ulrich Fischer
Kartentelefon: 02361 9218 - 0 - Internet: www.ruhrfestspiele.de

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