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Roh

06/07/2015 17:27 CEST | Aktualisiert 06/07/2016 11:12 CEST
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Das Festival d'Avignon eröffnet mit einem provozierenden „König Lear"

AVIGNON. Olivier Py gelang zum Auftakt des Festival d'Avignon im Ehrenhof des Papstpalastes am Samstagabend eine kraftvolle, originelle Inszenierung, mit der er das Publikum spaltete. Empörte Buhs und begeisterter Beifall hielten sich die Waage, nachdem schon während des Spiels einige Zuschauer der Aufführung den Rücken gekehrt hatten.

Olivier Py, der das Festival seit dem letzten Jahr leitet, wählt als Stilmittel die radikale Vereinfachung, er inszeniert „König Lear" wie einen Comic-Strip. Cordelia, König Lears gute, aber verkannte Tochter, tritt ganz in Weiß wie eine Ballerina im Tutu auf, der böse Edgar fährt mit dem Motorrad auf die Bühne, seinen Helm zieren Teufelshörner. Klare Zeichen erleichtern die Orientierung.

Im Sumpf

Die geht allerdings bei der Fülle der Figuren mitunter verloren. Macht nichts, wichtiger sind die großen Bilder, die zur Botschaft führen. Zunächst ist die Bühne mit einem Parkettboden bedeckt. Als die Handlung Fahrt aufnimmt, werden einige Bretter abgebaut, darunter liegt Erde. Einmal werden sich zwei nackte Männer im Sumpf wälzen - der Schmutz besudelt sie, wie sie sich im mörderischen Machtkampf besudeln.

In der Mitte des Drecks lauert ein Loch - darin verschwinden fast alle. Es bedeutet die Pforte des Todes, wenn die Bösewichter verschwinden wohl das Tor zur Hölle.

Volkstheater, katholisch

Manchmal erinnern diese starken Bilder an Frank Castorf - kein Wunder. Castorf und Olivier Py sind beides Vertreter des Volkstheaters, das zu eindeutigen Bildern und klaren Botschaften, zu kompromissloser Kritik und provozierenden Zuspitzungen neiget - anders als Frank Castorf ist allerdings Olivier Py ein Vertreter des katholischen Volkstheaters.

Er entdeckt in „König Lear" die gleichen infernalischen Machtmechanismen wie im heutigen Neoliberalismus. Py entlarvt den Teufel und prangert ihn an. Der Franzose hat den gleichen Schwung wie sein deutscher Kollege. Einmal entleert sich eine der bösen Schwestern in einen Eimer, dann gießt sie den Inhalt ihrem Gatten über den Kopf.

In Sprache übersetzt hieße das nicht etwa: Unrat über jemanden schütten, sondern jemand Scheiße über den Kopp kippen. Das ist das Gegenteil von sublim, das ist nicht nur derb, das ist roh. Unmissverständlich. Eine Kritik, die an der Wut des Kritikers keinen Zweifel lässt. So kann, so soll es nicht weitergehen. Die Zeit für Die Da Oben ist abgelaufen.

AgitProp

An der Rückwand der Spielfläche, einer Wand des Ehrenhofs des Papstpalastes, hat Bühnenbildner Pierre-André Weitz in großen Lettern aus weißen Neonstäben auf Französisch geschrieben: „Unser Schweigen ist eine Kriegsmaschine" - eine Aufforderung ans Publikum, das Schweigen endlich zu beenden, Verbrechen Verbrechen zu nennen und nicht mehr das Nichthinnehmbare hinzunehmen.

Olvier Py hat dieser Aufforderung Folge geleistet - seine „König-Lear"-Inszenierung hat das Schweigen gebrochen. Kein Wunder, dass er Ärger bekommt. Er hat wohl heftige Buhs erwartet, denn er lachte, freute sich offenbar diebisch, als er mit dem Ensemble den begeisterten Beifall wie den lautstarken Protest entgegennahm.

Das Festival d'Avignon kann gleich zum Auftakt mit einer Inszenierung prunken, die kühn zur Diskussion herausfordert.

Internet: www.festival-avignon.com


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