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Repression mit Happy End

13/08/2017 08:17 CEST | Aktualisiert 13/08/2017 08:17 CEST

Alan Ayckbourns "The Divide" in Edinburgh uraufgeführt

EDINBURGH. Alan Ayckbourn ist ein Theatermann im umfassenden Sinn: Schauspieler, Regisseur, Theaterleiter und vor allem Dramatiker. Seine Stücke werden oft aufgeführt, nicht nur in der englischsprachigen Welt. Jetzt ist Ayckbourn, ein alter Meister Ende siebzig (Jg. 1939), der Enge des Theater müde geworden - und hat etwas geschrieben, das die Grenzen sprengt: „The Divide" (der Titel ist mehrdeutig, vielleicht: „Das Trennende".) Der Stoff ist noch nicht ganz zu einem Roman gediehen, da haben Freunde aus dem Theater sich des Projekts angenommen und ihn für die Bühne adaptiert. Obwohl er ein Riesenpersonal braucht, obwohl laufend Ortswechsel stattfinden - das Old Vic aus London und das Edinburgh International Festival haben unter tätiger Hilfe von Mäzenen den Brocken gestemmt. Am Freitag war Uraufführung im King's Theatre in Edinburgh, ein alter Kasten, der auch schon bessere Tage gesehen hat.

Scheidelinien

„The Divide", so hieß es im Vorfeld, sei eine negative Utopie, habe etwas mit Science Fiction zu tun -aber diese Einschätzungen führen eher in die Irre. Zwar spielt das Stück in der Zukunft, aber es geht im Kern um eine Kritik der repressiven Gesellschaft, insbesondere in ihrer puritanischen Spielart - und da ist Edinburgh genau der rechte Ort, hier hat John Knox, ein grimmiger Reformator, blutige Spuren hinterlassen.

Das Stück ist ein Zweiteiler, dauert zweimal drei Stunden, und ist wegen seiner vielen überraschenden Wendungen unübersichtlich. Der beste Teil attackiert die Erziehung. Sie ist körper- und sexualfeindlich. Die Unwissenheit der Kinder und Adoleszenten nutzen die zunächst unsichtbar bleibenden Autoritäten aus: Die junge Generation soll unwissend bleiben und blind gehorchen - um zu braven Untertanen heranzuwachsen. Ihnen wird erzählt, Frauen seien unrein und Männer fingen sich eine tödliche Krankheit ein, wenn sie sich verliebten oder gar das Undenkbare und Unaussprechliche täten. Die Vorurteile sind haarsträubend, aber sie sind noch gar nicht so alt - sie sind noch nicht vergessen.

Die Liebe siegt - vorläufig

Natürlich setzt sich gegen diese Vorurteile und Verbote die Liebe durch, es folgen ergreifende Szenen. Doch die Herren schlafen nicht - die junge Frau, die ihre erotische Anziehungskraft eigesetzt hat, um den naiven Helden zu becircen, kommt vor ein Gericht - aus lauter Frauen. Die verurteilen ihre attraktive Geschlechtsgenossin zum Tod, der Sexualneid ist mit Händen zu greifen - dann wird es unübersichtlich: Auf einmal wird überraschend alles, alles gut. Happy End mit einem zeitlichen Riesenzeitsprung: Goldene Hochzeit. Die Repression wird überwunden, wie, ist schwer auszumachen.

Inszenierung: einfallsreich

Das Stück ist ein Schmarrn, Ayckbourn war klug, es nicht als Drama zu konzipieren und auch nicht selbst als Regisseur anzutreten. Statt seiner hat Annabel Bolton inszeniert - und erweist sich als außerordentlich geschmeidig. Unter ihrer Leitung gleitet des 13köpfige Ensemble (plus kleinem Orchester und Chor) durch die sechs(!)stündige (Seufz!) Aufführung, alle Schauspieler haben sehenswerte Auftritte und Bühnenbildnerin Laura Hopkins meistert die schwierigsten Aufgaben schmetterlingsleicht: Feuer und Wasser, oben und unten, hinten und vorn, hell und dunkel. Und vor allem banal und tiefgründig kann Annabel Bolton inszenieren, engagiert und sentimental. Die Anklagen gegen eine puritanische Gesellschaft, die verbietet und dabei blind ist für die Übertretungen, die ihre Verbote provozieren, blind ist vor allem für die Heuchelei, der sie Vorschub leistet, die eigene Grausamkeit, sind der beste Teil der Aufführung - aber der Optimismus, dass alles, alles gut wird, wirkt unbegründet.

Wenn diese aufwendige Inszenierung, die das Beste und das Ranschmeisterischste britischer Bühnenkunst auf schwindelerregende Weise verbindet&verquirlt, das Optimum sein sollte, das das Edinburgh International, einst eines der Fünfsterne-Sommerfestivals Europas, in diesem Jahr zu bieten hat, dann muss es um sein Renommee fürchten.

Ulrich Fischer

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