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Realismus

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WUNSCHKINDER
Thomas Aurin
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Lutz Hübners "Wunschkinder" in Bochum uraufgeführt

BOCHUM. Lutz Hübner (52) ist zur Zeit der meistgespielte zeitgenössische deutschsprachige Dramatiker in unserem Land. Und das mit gutem Grund. Seine Stücke sind spannend, er greift Konflikte auf, die uns auf den Nägeln brennen; in seinen Figuren kann man sich selbst oder gute Bekannte wiedererkennen - und er denkt weiter und tiefer als die meisten Zeitgenossen - das provoziert Diskussionen. Das Publikum liebt ihn; die Intendanten schätzen ihn; die Kritik lässt ihn meistens links liegen.

Sein neuestes Stück, das Hübner mit Sarah Nemitz geschrieben hat, nennt er "Wunschkinder". Eines der "Wunschkinder" ist Marc (19); er hat gerade Abitur gemacht und Vater Gerd (57, Leitender Ingenieur) macht sich Sorgen, weil der Junge keine Anstalten macht zu studieren oder einen Beruf zu ergreifen. Die Mama (Bettine, 51, Haufrau) verteidigt den Sohn und der selbst versucht, sich den Konflikten mit dem Vater zu entziehen.

Marc verliebt sich in Selma (19, Auszubildende) - sie ist das genaue Gegenbild zu dem verwöhnten Jungen aus gutem Haus. Ihre Mutter verdient ihr Geld als Köchin in einer Betriebskantine, wenn sie überhaupt arbeitet. Selma muss mit für die kränkliche und schwache Mutter (auch mental, 38) sorgen und bereitet sich neben den Arbeiten zum Lebensunterhalt aufs Abi vor. Selma packt ("schafft", Angela) das, sie ist tüchtig, diszipliniert und hat ihr Ziel klar vor Augen. Als sie schwanger wird, erreicht das Stück seinen Höhepunkt - und den haben Hübner und Nemitz großartig und klug konstruiert.

Marcs Vater ist mehr als nur wohlhabend, er könnte mit einem Scheck die ganze Situation lösen, wenn er wollte. Er will aber nicht, nicht aus Geiz, sondern weil er einen Weg sucht, dass sein Sohn in die Gänge kommt. Ihm schwebt vor, dass Selma das Kind abtreibt.

Der Sohn wird orientierungslos und steht seiner Freundin nicht bei, als die es gerade am dringendsten bräuchte.

Der Konflikt wird aufgelöst - Selma verliert ihr Kind in den ersten Schwangerschaftswochen. Das Paar trennt sich und verliert sich aus den Augen.

Der Konflikt und die Figuren sind so außergewöhnlich, weil sie geradezu an Erich Kästner erinnern und die Dramatiker das gesellschaftliche Geflecht stets im Auge behalten. Bei ein bisschen mehr Großzügigkeit, Uneigennützigkeit, Einfühlungsvermögen, bei ein bisschen weniger Existenzangst hätte das junge Paar sorgenlos der Geburt des Kindes entgegenblicken können.

Aber daran fehlt es eben. Das führt ins Zentrum vom Schaffen Lutz Hübners. Immer wieder analysiert er in seinen vielen Stücken, dass die Voraussetzungen für ein gutes, fruchtbares Miteinander gegeben sind. Wir haben genug, mehr als genug. Aber der Kleinmut, die Engherzigkeit und -stirnigkeit verhindern die gute Lösung für alle. Und da kommt die Wirkungsästhetik Hübners ins Spiel: mit seinen Stücken will er uns zu mehr Großzügigkeit überreden.

Daran ist Erich Kästner schon gescheitert. Kein Grund, dass Lutz Hübner nicht weiter macht. Bis es endlich klappt.

Lydia Merkel hat eine sanft abfallende Schräge für die Bühne entworfen, sonst fast nichts, äußerst schlicht, Platz für die Schauspieler, die eher episch spielten, oft neben ihrer Rolle stehen. Am besten allerdings waren sie, wenn sie sich mit ihrer Figur identifizierten. Katharina Linder bekam als Bettine Szenenapplaus, als sie die Beherrschung verlor.

Sie hatte es ein für allemal satt, dass ihr als Mutter die Schuld für alles zugeschoben wird, sie rastete aus. Die Bühne bebte, der Zuschauersaal bebte, jeder konnte Bettine verstehen, ein echter Höhepunkt. Lutz Hübner und Sarah Nemitz können Figuren und Szenen bauen und einen Dialog schreiben, der es in sich hat.

Regisseur Anselm Weber, Bochums Intendant, ist kein inspirierter Regisseur, aber er ist redlich, er stellte sich ganz in den Dienst des Stücks, der Schauspieler und seines Publikums. Die Uraufführung ist geglückt.

Leute, schaut Euch die "Wunderkinder" an. Wenn wir endlich alle Wunderkinder würden, wir könnten Wunder bewirken - und nicht nur für unsere Kinder.

Ulrich Fischer

Aufführungen am 5., 12., 27. und 30. Juni. Dauer 1 Std. 50 Min.
www.schauspielhausbochum.de - Tel.: 0234 3333 5555

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