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Rätsel

03/03/2017 10:36 CET | Aktualisiert 03/03/2017 10:37 CET

Europäisches Dramatikerinnendebut von Lindsey Ferrentino in London

LONDON. Das erste Rätsel des an Rätseln reichen neuen Stücks von Lindsey Ferrentino ist gleich der Titel. Was soll das heißen: „Ugly Lies the Bone"? Antwort gibt das Textbuch. „Ugly lies the bone" ist eine Textzeile aus einem Gedicht von Albert Einstein, die sich etwa so übersetzen lässt: „Schönheit ist nur so tief wie die Haut/Darunter liegt hässlich der Knochen./Die Schönheit stirbt und welkt dahin/Aber die Hässlichkeit bleibt." Um unter der trügerisch schönen Haut der wirklichen menschlichen Substanz nachzuforschen, ersinnt die junge amerikanische Dramatikerin, die mit ihrem Stück in Europa am National Theatre in London debutiert, Jessica, eine Soldatin. Sie wird bei einem Einsatz in Afghanistan schwer verletzt. Über ein Jahr wurden ihre Verbrennungen im Lazarett behandelt, ehe sie nach Haus entlassen werden konnte. Die Handlung setzt ein, als sie dort, in Florida, in der Nähe von Cap Canaveral, eintrifft. Die NASA ist im Niedergang, es herrscht Arbeitslosigkeit.

Zu Hause

Das zweite Rätsel ist die Therapie, der sich Jessica unterzieht. Sie hat etwas mit Autosuggestion zu tun. Jessica setzt sich künstlicher Realität (die berühmte VideoBrille) aus, die so intensiv sein soll, dass sie ihre Schmerzen vergisst. Überzeugend ist das nicht, zumal die „Stimme", die Jessica therapiert und gut zuredet (Buffy Davis), etwas von einer Mutter hat, die ihrer Fünfjährigen, um sie zu beruhigen, ein Märchen erzählt.

Jessica wird zu Haus keineswegs mit offenen Armen empfangen. Wegen ihrer gravierenden Verletzungen erkennen sie einige nicht einmal wieder, andere gehen auf Distanz. An eine Neubelebung abgebrochener Liebesbeziehungen ist nicht zu denken, nicht einmal als Kindergärtnerin kann sie mehr, wie früher, arbeiten. Die Eltern wollen ihren Kindern den Anblick der Versehrten ersparen. Das Wort wird nie ausgesprochen, aber es hängt in der Luft: Krüppel! - Woher dann Jess die Kraft nimmt, tapfer weiterzumachen, das ist das dritte und größte Rätsel.

Das falsche Medium

Die Dramatikerin überfordert das Theater. Trotz vieler Einfälle von Es Devlin, der Bühnenbildnerin, gelingt es nicht, die Wirksamkeit der Therapie mit der künstlichen Wirklichkeit glaubhaft zu machen. Die Projektionen erscheinen zu künstlich, wie ein billiges Videogame; sie legen nahe, dass es besser gewesen wäre, statt eines Stücks ein Drehbuch zu schreiben. Das Medium für künstliche Welten und schnelle Verwandlungen ist nicht das Theater, das ist der Film. Ein Rätsel, warum die Dramatikerin nicht selbst auf diesen (doch so naheliegenden) Gedanken gekommen ist.

Die Inszenierung der Europäischen Erstaufführung am Mittwoch lag unter dem üblichen Niveau des Königlichen Nationaltheaters, das zu Recht als Flaggschiff britischer Bühnen gilt. Regisseurin Indhu Rubasingham inszenierte betulich und verstärkte so die sentimentalen Aspekte des Schauspiels. Zu viel Süße in der Bitternis

An sich haben die Dramatikerin und ihre Regisseurin das Thema verfehlt, das so nahe liegt. Warum Krieg in Afghanistan? Warum finden sich alle Figuren des Stücks damit ab, als wäre der Kampf am Hindukusch eine unabwendbare Naturkatastrophe?

Ein Rätsel!

Ulrich Fischer

Aufführungen bis Juni - Spieldauer: ca. 95 Min.

Box Office.: 0044 20 7452 3000 - Internet: www.nationaltheatre.org.uk