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Ruhrfestspiele wurden 70 - eine Bilanz

RECKLINGHAUSEN. Die Ruhrfestspiele begannen ihr künstlerisches Programm mit dem "Diener zweier Herren". Die Wahl von Intendant Frank Hoffmann (62) hätte glücklicher kaum ausfallen können.

Volkstheater, Volkstheater ...

Gerade bei der 70. Ausgabe der Ruhrfestspiele wies die künstlerische Leitung auf den Ursprung und die Tradition hin: Volkstheater. Dessen Geist ist bis heute lebendig. Goldonis (1707 - 1793) "Diener zweier Herren" gilt als Juwel der Commedia dell'arte, der weltberühmten Spielart des italienischen Volkstheaters, und der Held, der "Diener zweier Herren", weist auf die prekäre Lage der arbeitenden Menschen hin - da hat sich seit der Uraufführung (mutmaßlich 1746) grundsätzlich wenig geändert: wer als Arbeitnehmer(In!) leben will, sollte zwei Jobs haben um sich durchzumuddeln.

Intendant Hoffmann krönte seine kenntnisreiche Wahl mit einem Kooperationspartner, der die Spitze deutschsprachiger Theaterkunst repräsentiert, dem Burgtheater aus Wien; gewann den Leiter des Münchner Volkstheaters, Christian Stückl, als Regisseur und das Ensemble erwies sich als brillant. Mavie Hörbiger gelang überraschend, noch den glänzenden Markus Meyer, der den „Diener" spielte, zu überflügeln.

„Schwanz ab!" und Über den Mund besserer Herrschaften

Meyer legte ein irres Tempo vor und riss das Publikum mit; dieser Truffaldino sprach von Gewerkschaften und Tarifvertrag - die ersten Lacher über diese krassen Anachronismen brachten das Publikum in Schwung. Mavie Hörbiger verkörperte Smeraldina, ein Kindermädchen. Mit Hässlichkeit geschlagen, rächt sie sich, indem sie Feministin wird.

Bei einer Schmährede gegen die Männer, die sie bedrohte, sie ihres besten Teils zu berauben, applaudierte ein Teil des Publikums lustvoll - mutmaßlich der weibliche. (Das Wort „Schwänze" auf Recklinghausens Bühne und statt moralischer Empörung Gelächter, das ist ein rezeptions-ästhetischer Quantensprung!) Die Hörbiger raste so überzeugend, dass sie Szenenbeifall verbuchen konnte. Peter Simonischek spielte Pantalone, den alten Herren.

Er sah so vertrauenserweckend aus wie Mackie Messer als Vorstandvorsitzender eines großen Autowerks in Ostniedersachsen. Die Maske hatte dem blendend aussehenden Schauspieler ein gigantisches Gebiss verpasst, das ihn grotesk entstellte - schon das Gehege seiner Zähne verführte zum Lachen. (Wie kann man besser die unersättliche Gier unserer hochverehrten herrschenden Klasse gleichzeitig beschreiben, denunzieren und durch den Kakao ziehen: ein überzeugender Einfall!)

Flops

Es gab natürlich auch Flops. Z.B. eine Uraufführung, ein neues Stück von Tankred Dorst. Sein „Blau in der Wand" ist ein Alterswerk; Dorst hat ein Stück über den Zerfall geschrieben und über die Vorstellung, die wir uns vom Tod machen; er ist jetzt schon über neunzig. Trotzdem hatte er es sich nicht nehmen lassen, selbst zur Uraufführung nach Recklinghausen zu kommen - und das Publikum applaudierte ihm herzlich. Er hatte nicht genug Kraft, auf die Bühne zu steigen. Intendant Hoffmann half dem Dramatiker, sich von seinem Ehrenplatz im Parkett zu erheben. Die Kräfte schwinden.

Ein Erfolg wurden weder dieses Stück noch seine Uraufführung. Aber der Flop ist peripher. Viel bedeutsamer war es, wie (im richtigen, nicht im Bühnenleben) das Festival mit einem alten Mann umging. Wie sie ihm das Glück gönnten, noch einmal ein eigenes neues Stück auf der Bühne zu sehen. Noch einmal den Applaus entgegenzunehmen. Man sah dem alten Theatergaul an, wie er die Ohren spitzte. Das gibt ihm Energie für ein Jahr! So muss man mit verdienten alten Künstlern umgehen - nicht sie in der Versenkung verschwinden lassen, wie es so viele gedankenlose Intendanten tun. Das war beispielhaft!

Antiautoritäres Volkstheater - angstfrei, mutig & wahnsinnig komisch

"Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens!", hat Friedrich Schiller geseufzt und dennoch oder gerade deshalb Stücke geschrieben. Gegen Dummheit kämpfte auch eine der glänzendsten Inszenierungen, die in Recklinghausen uraufgeführt wurde: "Die Apokalypse - nach der Offenbarung des Johannes".

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Diesen kühlen Rat von Helmut Schmidt könnte Herbert Fritsch seiner neuesten Inszenierung zu Grunde gelegt haben. Der als Spaßregisseur verharmloste Theatermann inszenierte die „Apokalypse"; dem heiligen Text legten Fritsch und sein Dramaturg Carl Hegemann die Offenbarung des Johannes' zu Grunde - in der Übersetzung Martin Luthers.

Johannes' „Offenbarung" hat Jahrhunderte fromme Christen in Angst und Schrecken gejagt - der Text ist bedrohlich und absolut hermetisch. Wolfram Koch trägt als Prophet einen kanariengelben Anzug, er erinnert an einen Marktschreier und mit seiner großen Klappe an einen Präsidentschaftskandidaten ... Man kann Koch oft nur schlecht verstehen - aber das Wichtigste kommt rüber: Dieser Mann, den er spielt, dieser Prophet hat einen an der Waffel.

Ein bisschen Blasphemie am Abend/erquickend und labend - gerade im Volkstheater („Apokalypse" ist eine Koproduktion der Ruhrfestspiele mit der Volksbühne Berlin), aber diese Inszenierung ist wesentlich subversiver als nur eine Schändung der Schrift. Sie fragt, wie ängstlich Leute sein müssen, sich von derart verrückten Phantasmen einschüchtern zu lassen. Wolfram Koch zeigt einen Psychopathen, der vor Selbstverliebtheit birst, einen autoritären Sack voller sadistischer Ideen. Hochfahrend. Anmaßend.

Wie man hört, haben nicht nur Christen Propheten gehabt. Vielleicht sollte jede Religion ihre Stifter dem Säurebad des Fritsch'schen Humors aussetzen - antiautoritäres Volkstheater.

Revolution! Und Reform ...

Die eigene Geschichte wurde nicht vergessen. Ehemalige Intendanten der Ruhrfestspiele waren eingeladen, Hansgünther Heyme, (Festspielleiter von 1990 - 2003) inszenierte „Am Rand" von Sedef Ecer und die Volksbühne aus Berlin sollte mit Michail Bulgakows „Die Kabale der Scheinheiligen, das Leben des Herrn Molière" kommen, eine umjubelte Meisterinszenierung Frank Castorfs, die sich aber als technisch zu anspruchsvoll für Recklinghausen erwies.

Stattdessen kam die Volksbühne mit Ibsens „Baumeister Solness". Castorf dekonstruierte nach Herzenslust, mit List, Geist & Humor, mit seinem scharfsinnigen Durchdringungsvermögen, mit einer in Jahrzehnten erworbenen Meisterschaft vier Stunden lang - und provozierte die Erinnerung an sein kurzes Gastspiel als Intendant in Recklinghausen (2004).

Aber die Festspiele, allen voran die biedere, kunstferne Vertreterin des Deutschen Gewerkschaftsbundes, eine Karikatur durch und durch, ein Warnschatten vor den künstlerischen Prinzipien, die das Unglück haben, von ihr vertreten zu werden, erwiesen sich als überfordert, diesem großen, eigenwilligen, ja: genialen Künstler gegenüber - sie schmissen ihn so schnell wie möglich wieder raus, nachdem sie ihn kurz vorher engagiert hatten.

Castorf hätte die Festspiele dekonstruiert, rekonstruiert, durch den Fleischwolf gedreht und in das umstrittenste Kunstfestival unseres Landes verwandelt, das, was Avignon für Frankreich und Europa ist. Aber, ach!, es hat nicht sollen sein.

Unter der Leitung von Frank Hoffmann ist es gediegen - mehr der Spiegel einer gewünschten Ordnung als der Aufschrei gegen und das macht(mark?)erschütternde Gelächter über Unrecht und Chaos, die regieren. Das Festival ist heute mehr so wie wir. Und positiv gewendet: Die Ruhrfestspiele sind in ihrem siebzigsten Jahr quicklebendig. (Castorf und Hoffmann, ernsthaft zerstritten, sollen sich, dem Vernehmen nach, wieder die Hand gereicht haben - eine erfreuliche Nachricht.)

"Ein rosigter Schein" (Schiller)

In einem (glänzenden!) Festvortrag erinnerte der Leiter von Recklinghausens Stadtarchiv Matthias Kordes an die Anfänge der Ruhrfestspiele, an ihren ausgesprochenen Klassencharakter. Der Grüne Hügel in Recklinghausen wurde gegen den in Bayreuth errichtet. 70 Jahre später hat sich erwiesen: Recklinghausen hat gewonnen. Das Konzept ist einfach überzeugender. Bayreuth steht für Einfalt: Ein großer (doitscher) Künstler, ein Genie, Eliiiite. Der Grüne Hügel in Recklinghausen hingegen steht für Vielfalt, Künstler aus aller Welt: Kunst für alle!

Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Die finstere Perspektive unserer Gesellschaft verheißt dem Festival eine glänzende Zukunft.

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