BLOG

Pinscher

31/03/2016 10:31 CEST | Aktualisiert 01/04/2017 11:12 CEST
Ursula Euler

Am 1. April wird Rolf Hochhuth 85 Jahre alt. Er ist eine ungewöhnlich eigenständige Persönlichkeit - ein biografischer Rückblick wie üblich verbietet sich deshalb.

Hochhuth ist ein begeisternder Polemiker. Er schreit. Laut. Sein erster Schrei auf dem Theater war "Der Stellvertreter", ein Stück über die Anbiederungs-Politik des Vatikans an Hitlers Berlin, die Nähe des Katholizismus zum Nationalsozialismus. Nach der Uraufführung 1963 in Berlin gingen die Wogen hoch.

Verzweifelt versuchten prominente Vertreter der herrschenden Meinung, Hochhuth zu verteufeln, indem sie den Dramatiker in die Nähe der Kommunisten rückten - und Kirchenfunktionäre wiesen nach, das Hochhuth falsch lag - er war ja nicht dabei gewesen.

In die Tiefe

Man könnte jetzt auf weitere Stücke Hochhuths verweisen, und auf seine bravouröse Art, Filbinger zu bekämpfen, damals Ministerpräsident in Baden- Württemberg. Hochhuth warf Filbinger vor, er habe als Marine-Richter des Dritten Reichs noch nach Ende des Krieges Todesurteile gefällt .

Leugnen half nicht lange, Filbinger musste, nachdem selbst hartgesottene Parteifreunde von ihm abrückten, zurücktreten. Als nach dem Tode des Marinerichter Ministerpräsidenten sein Nachfolger eine Lanze für ihn brach, ging die Debatte, der Streit weiter. Was blieb, ist ein geflügeltes Wort, das Hochhuth prägte: "Furchtbarer Jurist"!

Aber es führt in die Irre, in die Breite zu gehen, all die Debatten, die Hochhuth losbrach, aufzuzählen, auch die, in denen er falsch lag. Erkenntnisfördernder ist es, statt über seine Werke hinweg zu eilen, in die Tiefe zu gehen.

"Ein christliches Trauerspiel"

Nehmen Sie nur sein berühmtestes Stück: "Der Stellvertreter". Der Titel ist vieldeutig. Eine wichtige Figur ist der Papst Pius XII., der während des zweiten Weltkriegs in Rom "Stellvertreter" Christi war. Aber "Der Stellvertreter" bezieht sich nicht nur auf den Papst, ist nicht nur Kritik an der Anpassungspolitik des Vatikans, Pius XII.

Im Stück spielt ein Geistlicher eine zentrale Rolle, der, nachdem sein Versuch, den Papst zu einer Änderung seiner Stillschweigepolitik zu drängen, gescheitert ist, nach Auschwitz geht und dort, an der Seite der Erniedrigten und Beleidigten, umkommt. Hochhuth legt sorgfältigen Lesern nahe: Dorthin wäre Christus gegangen. Sein Möchtegern-"Stellvertreter" saß in seinem Palast in Rom, tafelte gut und wog seine Worte, damit er den Führer nicht verärgere.

Als Gattungsbezeichnung wählte Hochhuth mit Bedacht: "Ein christliches Trauerspiel". Das Trauerspiel dauert an.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

In einer Verfilmung des Stoffs (2002) hat Constantin Costa-Gavras Hochhuths Ende weitergedacht und -geführt. Ein SS-Offizier, der seinen Rang als Camouflage nutzte, um zu versuchen (vergeblich), die Welt während des Krieges aufzuklären und aufzurütteln, wird in seiner Zelle aufgehängt oder hängt sich auf, weil ihm niemand glaubt (Ulrich Tukur spielt überzeugend); der Geistliche ist längst tot, seine Leiche mutmaßlich verbrannt, dann sieht man den Kommandeur des KZs.

Er trägt nach dem Krieg Zivil und sucht in Rom den Kontakt zu einem einflussreichen Kardinal. Der hat schon ein Zimmer mit schöner Aussicht für ihn in einem Kloster frei; dort kann der Schurke ein paar Tage warten, um dann nach Südamerika zu reisen. Die Unschuldigen sterben, die Schuldigen werden unterstützt. Schließlich geht es ja um den Kampf gegen den Kommunismus. Und davon verstehen die Nazis was.

Das christliche Trauerspiel dauert an.

Empört euch!

Costa-Gavras hat das geheime Gravitationszentrum von Hochhuths Dramenschaffen entdeckt. Hochhuth ist empört, diese Empörung über das Andauern des Unrechts verleiht ihm Feuer für seine Anklagen. Und sie treffen. Bundeskanzler Erhardt hat Hochhuth einen "Pinscher" genannt - inzwischen ein Ehrentitel.

Deutsche Kritiker haben scharfsinnig erkannt, dass Hochhuths Stücke unspielbar seien. Da waren die Theater aber froh, dass sie sie nicht aufführen mussten. Denn die Texte beißen. Hochhuth ist ein Konservativer und ein Revolutionär.

Spielt Hochhuth! Er ist unersetzbar. Weitermachen!

- Ulrich Fischer

Er vergleicht die Theorie, zum Beispiel unsere Verfassung, mit der gesellschaftlichen Praxis - dabei kommen unsere Oberen schlecht weg - und wir auch. Wir lassen alle(s) laufen, alles durch. Dagegen wendet sich Hochhuths Theater. - Wenn man sieht, was Theater leisten, wenn sie riesige Roman für die Bühne bearbeiten, dann müsste es auch möglich sein, Hochhuths-Stücke spielbar zu machen.

Zugegeben: Sie borden über, müssten gekürzt, gestrafft werden. Aber es ist klar, worauf sie hinauslaufen: tolle Geschichten , interessante Figuren, aufrüttelnde Plädoyers - und alles subversiv.

Wer Hochhuth zu seinem 85. Geburtstag ehren will, sollte die deutschen Theater an ihre Aufgabe erinnern.

Auch auf HuffPost:

Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz: "Angela Merkel handelt vollkommen irrational"

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert:

Gesponsert von Knappschaft