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Obdachlos

04/06/2017 10:36 CEST | Aktualisiert 04/06/2017 10:36 CEST

Amerikanische Tragödientrilogie bei „Theater der Welt" in Hamburg

HAMBURG. Das Public Theater ist das beste nichtkommerzielle Theater in New York, wenn nicht in den ganzen Vereinigten Staaten. Insofern war es eine gute Idee, eine Produktion der Bühne, die im südlichen Manhattan residiert, zu „Theater der Welt" nach Hamburg einzuladen. Richard Nelson hat drei Stücke: „Hungry" („Hungrig"), „What did you expect?" („Was hast du erwartet?") und „Women of A Certain Age" („Frauen eines gewissen Alters") zu seiner Trilogie „The Gabriels: Election Year in the Life of One Family" („Die Gabriels: Wahljahr im Leben einer Familie") zusammengefasst und auch gleich noch die Uraufführung selbst inszeniert.

Die Fabel

Die Gabriels sind eine Mittelstandsfamilie, die in einer kleinen Stadt in der Nähe von New York zusammen in dem Haus der (Groß)Mutter lebt. Thomas, das geheime Gravitationszentrum, war Dramatiker und ist gestorben. Fünf Frauen und sein Bruder versuchen, ohne ihn auszukommen. Richard Nelson erzählt vom Verfall der Familie - bei allen Unterschieden erinnert die Geschichte an die "Buddenbrooks" - und an das Format dieses Jahrhundertromans von Thomas Mann.

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Foto: Joan Marcus

Das Haus der Gabriels ist ihre Festung - aber sie ist schon im Fallen. Denn heimlich hat die Großmutter Hypotheken aufgenommen. Ihr wurde (im Fernsehen) versprochen, sie könne mit den Schulden viel Geld verdienen - das war vor der Krise. Nach der Krise hat sich das Versprechen als falsch herausgestellt. Die alte Dame kann sich nicht einmal mehr ihr Altersheim leisten, muss schließlich ausziehen und Zuflucht bei ihrer Familie suchen.

Grandmas Sohn George ist Kunsttischler. Er wird Opfer eines Tricksers, der ihm einen lukrativen Auftrag gibt und dann für ein schönes Möbelensemble nur einen Spottpreis hinblättert. George kann weder die Hypothek seiner Mutter ablösen noch das Studium seines Sohnes bezahlen, der nun selbst Schulden machen muss, um die Semestergebühren zu berappen. Gleichzeitig muss Grandmas Haus verkauft werden.

Das ist ein ebenso schlichtes wie grandioses Symbol für den Verlust des Obdachs - des politischen, des staatlichen, des bürgerlichen; es ist die Preisgabe der Grundrechte einfacher Amerikaner.

Während redliche Leute wie die Gabriels zusehen müssen, wie ihnen ihr kleines Vermögen entgleitet, steigen Geldjongleure auf und machen mit windigen Geschäften Millionen. In seiner Trilogie klagt Richard Nelson den Neoliberalismus an. Der Grundbass des Stücks brummt die Analyse vieler Amerikaexperten: Die Republikaner versuchen - mit Erfolg - die Errungenschaften von Roosevelts New Deal zurückzudrängen, zurückzukehren zu den guten alten Zeiten des amerikanischen Raubtierkapitalismus, des Abgrunds zwischen Arm und Reich, der Zerstörung der Mittelklasse.

Die drei Stücke spielen jeweils an Wahlabenden, das letzte endet kurz vor dem unerwarteten Triumph Donald Trumps. Die Gabriels entscheiden sich eher zähneknirschend für Hillary Clinton - einen Kandidaten, der sie und ihre Sorgen ernst nimmt, eine Politik für die arbeitenden, produktiven Amerikaner entwirft, gegen die Broker und Banker, den finden sie nicht. Nelsons Trilogie ist system-, demokratiekritisch.

Der Dramatiker hat seine Geschichten des Niedergangs klug ausgewählt, die gesamte Trilogie überzeugend komponiert. Eine der bedeutsamsten, ins Symbolische überhöhten Episoden dreht sich um das Klavier der Familie. Auf ihm, einem Bechstein, haben die Kinder spielen gelernt, jetzt müssen sie ihn verkaufen, um Schulden begleichen zu können. Zunächst raubt ihnen das System die Kultur, dann das Obdach. Das Haus ist futsch, die Familie zerstreut in alle Winde. Gleichzeitig wird keine der Parteien müde zu beteuern, das Wohl der Familie stehe im Mittelpunkt ihrer Sorge und Politik.

Die Inszenierung

Es ist unmöglich zu entscheiden, was besser ist: das zu jeder subtilsten Differenzierung fähige Ensemble; das aufs Notwendigste beschränkte Bühnenbild; die auffällig unauffälligen Kostüme - die Inszenierung ist makellos. Und das Stück auch. Die Konstruktion der Fabel ist ebenso geglückt wie die der Figuren.

Auf Kampnagel, in Hamburgs Kulturzentrum, wurden am Pfingstsamstag alle drei Stücke hintereinander gespielt - von 14.00 bis 21.45 Uhr. Die Zeit verging im Flug. Und es war wunderbar, mal wieder aus den Vereinigten Staaten etwas zu hören, was einen statt mit Abscheu mit Bewunderung erfüllte: Amerikanischer Realismus.

Der Beifall für das Ensemble aus New York war stürmisch, begeistert und hoch verdient.

Ulrich Fischer

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