BLOG

Neues aus der islamischen Republik Frankreich

08/02/2016 14:24 CET | Aktualisiert 08/02/2017 11:12 CET
dpa

Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung" in Hamburg auf der Bühne

HAMBURG. Michel Houellebecq verdankt seinen sensationellen Erfolg seinem ausgeprägten Scharfsinn. Er vermag, die Gegenwart sezierend, in die Zukunft zu schauen. In seinem letzten Roman "Unterwerfung" blickte er in die nächsten Jahre. In Frankreich erstarkt der Front National. Um den politischen Sieg Marine Le Pens zu verhindern, schließen sich die übrigen Parteien zusammen, unter ihnen die Sozialisten und eine gemäßigte islamische Partei - sie stellt auch den Präsidenten. Nach seiner Wahl beginnt sich rasch der Alltag in Frankreich zu ändern.

Zum Roman

Das merkt auch François, Professor für französische Literatur an der Sorbonne. Er wird entlassen - denn nur Muslime werden in der islamischen Republik Frankreich als Professoren an der prestigeträchtigen Sorbonne beschäftigt. François findet das nicht so schlimm; seine Bezüge sind so hoch, als hätte er bis zu seiner Pensionsgrenze gearbeitet. Dann bekommt er ein schmeichelhaftes Angebot, sich national und international zu profilieren als Herausgeber eines Dichters der Décadence (der Dekadenz, des Niedergangs), für dessen Werk François d e r Spezialist ist. Darauf wirbt die Uni um ihn, ihm wird ein Lehrstuhl mit schwellendem Finanzpolster und fast ohne Verpflichtungen angeboten - er müsste eben nur konvertieren. Der Roman endet wie die Bühnenbearbeitung in dem Moment, in dem François sich die angenehmen Folgen seines kleinen Schritts ausmalt.

Die Vorstellung ist um so reizvoller, als er mehrere Frauen ehelichen könnte, eine für die Küche, die andere jünger, ... Ganz offenbar suchen die neuen Herren ihre Macht zu legitimieren, indem sie Zeitgenossen mit klingendem Namen auf ihre Seite ziehen. Und sie wissen: So löst sich ganz von selbst das Glücksproblem/Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Zur Uraufführung

In Hamburg wird aus dem Roman ein Monodram, Edgar Selge spielt François.

2016-02-07-1454845184-2854079-13_unterwerfung_lefebvre.jpg

Foto: Lefebvre

Der Schauspieler gibt dem Professor Züge eines Intellektuellen, der durch seine Ehrlichkeit sich selbst gegenüber besticht - eine überzeugende Deutung. François hat einen leicht mokanten Ton, gibt sich ironisch - und Edgar Selge reisst das Publikum so sehr mit, dass er zum Auftakt des zweiten Teils Szenenbeifall bekommt, ehe er auch nur ein einziges Wort gesagt hat. Am Ende erhebt sich ein Großteil des Publikums, um stehend zu applaudieren. Selge tut so, als habe er den Text nicht auswendig gelernt, sondern als entwickle François die Gedanken beim Sprechen. Das trägt stark zum Verständnis auch schwieriger philosophischer Passagen bei.

Karin Beier, der Regisseurin, ist für ihre Uraufführungsinszenierung wenig eingefallen. Ein riesiges, dreidimensionales, ausgehöhltes Kreuz in einer sich um sich selbst drehenden Scheibe in der Rückwand beherrscht die Bühne und Selge muss darin und darauf herumturnen. Das kostet ihn Kraft bei den so schon kräftezehrenden Auftritten - die Aufführung dauert zwei Stunden und vierzig Minuten. Die Turnerei bringt keinen Erkenntnisfortschritt. François ist kein Christ und die französische Kultur wird nicht vom Christentum bestimmt - Olaf Altmanns Bühnenbild führt vom Zentrum des Textes weg. Gut ist es aber, dass Karin Beier, die mit ihrer Dramaturgin Rita Thiele den Roman für die Bühne eingerichtet hat, sich stark an die Vorlage anlehnt.

Zur Bühnenbearbeitung

Allerdings wird gerade im zweiten Teil schmerzlich deutlich, dass wichtige Episoden (François' Vater stirbt; François gelingt es, seine Erkenntnisse über die Dekadenz in einem brillanten Essay zusammenzufassen) fehlen. Das ist fast zwangsläufig so, eine Bühnenfassung ist meistens kürzer als ein Roman, sonst dauert die Aufführung endlos. Aber wenn wichtige Bestandteile fehlen, wirft das die Grundfrage auf: Warum sollte man den Roman auf die Bühne bringen? Gewiss, die Bühnenadaption bewahrt zumindest das geheime Gravitationszentrum des Romans, die Provokation der zentralen Behauptung: Wenn die Muslime ihren Einfluss in Europa verstärkt geltend machen und in Frankreich die Führung übernehmen: das ist nicht wirklich schlimm. Houellebecq meint: seid doch nicht hysterisch! Davon geht das Abendland nicht unter! Diese Behauptung ist für viele starker Tobak.

Auch wenn diese Provokation in der Bühnenfassung bewahrt bleibt: sie transportiert keinen wirklichen Erkenntnisfortschritt. Trotz der überragenden Leistung Edgar Selges - der Roman ist besser.

Ulrich Fischer

Aufführungen am 10., 16. und 17. Feb.; 3., 16. und 26. März - Spieldauer: 2 Std. 40 Min.

Kartentel.: 040 24 87 13 - Internet: www.schauspielhaus.de

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.