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Nachdenklich bis heikel

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Songs, Szenen und Lieder zum Thema „Willkommenskultur"

HAMBURG. Frank Wittenbrink hat einen Liederabend neuen Typs geschaffen. Früher gab es Kästner-Liederabende im Schauspiel, einen Brecht- oder einen Tucholsky-Abend, ein Autor wurde in den Mittelpunkt gestellt - und dann zeigten Schauspielerinnen und Schauspieler, dass oder ob sie singen konnten.

Frank Wittenbrink sucht sich ein Thema und stellt dazu Lieder zusammen. Legendär sind seine „Mütter" geworden, oder „Brüder zur Sonne, zur Freiheit". Arbeiterlieder nutzte Wittenbrink, um die Geschichte der Arbeiterbewegung Revue passieren zu lassen - höchst kritisch.

Wittenbrink gelingt die Quadratur des Kreises: er versöhnt allerhöchste künstlerische Ansprüche mit dem Erfolg beim Publikum. Er hat in Basel gearbeitet, in Hamburg, am Deutschen Schauspielhaus, Triumphe gefeiert, und wurde zu europäischen Festivals eingeladen, um neue Liederabende zusammenzustellen.

Das große Thema

In letzter Zeit ist es ruhiger um Wittenbrink geworden - die Uraufführung seines neuen Abends (er führt auch selbst Regie) kommt in Hamburg heraus, aber nicht im Deutschen Schauspielhaus, sondern, weniger prestigegeladen, im St.-Pauli-Theater, im Rotlichtviertel, auf der Reeperbahn. Das Thema hat es in sich. In "Willkommen - ein deutscher Abend" haben gut gesonnene, aber ein bisschen naive Bürger Flüchtlinge - oder sollte es besser „Geflüchtete" heißen? - zu einem Willkommens- und Informationsabend eingeladen. Wir, das Publikum, sind die fiktiven Flüchtlinge. Meinen diese Gastgeber es wirklich gut, oder ist ihre Einladung nur eine Variante der üblichen Vereinshuberei, in der Hahnen- und Hennenkämpfe ausgetragen werden, wer Vorsitzende/r wird?

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Foto: Oliver Fantitsch

Ein zweiter Strang der Handlung dreht sich um Politiker, die sich mit den Zufluchtssuchenden profilieren. Am besten gelungen ist eine Frau in einem Herrenanzug, die scharfe Sprüche klopft, und, eben von der Bühne verbannt, durch einen Noteingang schon wieder ins Rampenlicht drängt. Da dürfte die AfD gemeint sein. Die Kanzlerin ist in einer anderen Szenen an ihrer Raute klar erkennbar.

Der Abend nimmt keineswegs einseitig Partei - die Grundhaltung ist skeptisch. Da tritt ein Priester auf, der die Muslime herzlich begrüßt - wir können ja so viel von ihnen lernen: „Ihr pilgert nicht zur Herbertstraße, ihr pilgert nach Mekka." Die Moscheen sind voll, die Kirchen leer. Der Geistliche wünscht die ganzen liberalen Errungenschaften zum Teufel - ein scharfes Licht auf die aufklärungsfeindlichen Tendenzen gläubiger Muslime. Wollen wir das, was der Priester sich wünscht, wirklich?

In einer Szene spricht sich das Ensemble für Recht und Ordnung aus. Das St. Pauli Theater liegt in Steinwurfnähe großer Bordells gleich neben der Davidwache. Eine junge Beamtin reißt eine Tür zum Zuschauerraum auf, stürmt herein und ruft, ob wir drei Nordafrikaner gesehen hätten? Sie sollen einer Hure ihren Lohn geklaut haben. Die junge Beamtin bleibt einen Moment und klagt: von den Muslimen auf dem Strich würde sie missachtet, sexuell genötigt. Niemand würde ihr helfen, den ihr zustehenden Respekt, die notwendige Autorität durchzusetzen.

Die Lieder werden an diesem Abend zugunsten der kurzen schlaglichtartigen Szenen vernachlässigt (Texte von Horst Schroth, Sören Sieg, Ulrich Waller und dem Ensemble), eher Sketche und Kabarettszenen, als ernsthaftes Theater. Aber das ändert sich - kurz vor Toresschluss, oder eigentlich schon danach.

Unschätzbar

Das Ende hat es in sich. Obwohl die Schauspieler nicht wirklich mitrissen, gab es begeisterten Beifall - und folglich natürlich eine Zugabe. Matthias Claudius, das Ensemble sang: „Der Mond ist aufgegangen". Die letzten Zeilen laute(te)n: „Verschon uns Gott mit Strafen/Und lass uns ruhig schlafen/ Und unsern kranken Nachbarn auch."

Scheinwerfer aus. Dunkel. Schluss.

Aus!

Dieses bekannte, fast kindliche Volkslied bekommt hier auf der Bühne, in diesem Zusammenhang, eine Dringlichkeit, die dem Abend bislang fehlte. Das ist ganz großer Wittenbrink. Kein Wort, keine Note zu viel. Und statt der Achtlosigkeit, mit der wir meistens an "Der Mond ist aufgegangen" vorbeigehen, vorbeischauen, vorbeihören: Konzentration. Mein Gott, was wird denn da gesagt? Ein Abendgruß, keine Idylle, der Wald steht nämlich schwarz, er sagt gar nix, er schweiget, drohend? - und was steigt da aus den Wiesen? Es folgt das Stoßgebet.

Besser hätte die große Frage, was denn nun wird, in ihrer Ambivalenz kaum zur Anschauung gebracht werden können. Franz Wittenbrink hört den Liedern genau zu und präsentiert sie mit seinem Ensemble so, dass wir ihren Wert, ihren unschätzbaren Wert erkennen. Das Theater triumphiert.

Anfangs schien der Abend ein bisschen schwachbrüstig, doch diese Schwäche glich das starke Ende aus.

Nachdenklich. Kontrovers. Empfehlenswert!
Ulrich Fischer

Aufführungen vom 13. 9 bis 27. 10 2016 jew. 19.30 Uhr, sonntags 18.00 Uhr. Aufführungsdauer: 1 Std. 45 Min.
Kartentel: 040-47110666 - Internet: www.st-pauli-theater.de