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Memento mori

29/11/2015 16:07 CET | Aktualisiert 29/11/2016 11:12 CET
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Caryl Churchills „here we go" in London uraufgeführt

LONDON. Caryl Churchill, entfernt verwandt mit Britanniens legendärem Kriegs-Premierminister Winston Churchill, ist Dramatikerin. In den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde sie international die erfolgreichste Autorin für das Theater. Ihr Stück "Top Girls" lief weltweit.

Caryl Churchill hat in Oxford Literatur studiert, verfasste zunächst Hörspiele und profilierte sich als sozialkritische und feministische Autorin; sie ist eine der bekanntesten Repräsentantinnen des neuen Englischen Schauspiels, des "New English Drama". Sie experimentierte und experimentiert mit neuen Formen, will aber nicht für elitäre Zirkel schreiben, sondern bemüht sich um das große Publikum. Sie verbindet ihr aufklärerisches und feministisches Engagement mit dem Rückgriff auf archaische Formen - mit einem Wort - Caryl Churchill ist für das anglophone Schauspiel, was Elfriede Jelinek für das deutschsprachige ist.

Ihr neuestes Stück, "here we go" - auf Deutsch: "Auf geht's!" - kam im Royal National Theatre heraus, dem Flaggschiff der britischen Bühnen. Am Freitag war Uraufführung im Lyttleton, dem Kammerspiel des Königlichen Nationaltheaters.

Kühne Formen

Caryl Churchills neues Stück ist ein unkonventionelles Schauspiel. Es hat keine fest umrissenen Figuren, auch ihre Zahl ist unbestimmt und statt der üblichen Akte oder Szenen hat Caryl Churchill Blöcke geschrieben. Im ersten Block sammelt sie Fetzen einer Unterhaltung auf einer Feier nach einem Begräbnis. Kein Satz ist vollständig. Selbst wer genau zuhört, kann sich kein Bild des Verstorbenen machen. Die meisten Bemerkungen sind höflich, einige sarkastisch, alle oberflächlich. Was man eben so sagt.

Im zweiten Block berichten die Figuren, wann und unter welchen Umständen sie gestorben sind. Krankheit, Alter, und auch ein Unfall. Die Toten sprechen. Es gelingt den Schauspielern immer wieder, den schwarzen Humor im Text zu entbinden. Trotz des ernsten Themas wird bei der Uraufführung oft gelacht.

Das Inferno und das schlechtes Gewissen

Der dritte Block ist der spektakulärste. Die Überschrift lautet „After" - „Danach". Gemeint ist, nach dem Sterben. Eine Figur befindet sich auf dem Weg ins Jenseits. In London ist es ein Mann an der Schwelle des Alters. Er weiß nicht, was ihn erwartet und hat Angst. Ihn plagt die Furcht, es könne so etwas wie eine Hölle geben, obwohl er, als er noch lebte, nicht daran glaubte.

Es gibt ja Mörder, Sadisten, schreckliche Verbrechen, Schlächtereien; könnte das nicht ein Hinweis auf die Hölle und ihre ewigen Qualen sein? - Oder werden wir wiedergeboren? Und wenn ja, in welcher Gestalt?

Wie leben?

In diesem Block wird die zentrale Frage des Stücks gestellt. Leben wir unser Leben intensiv genug? Nutzen wir es oder vertändeln, verschwenden wir unsere wertvolle Zeit?

Caryl Churchill endet mit einer stummen Szene. Ein Greis, zu schwach, um sich selbst anzukleiden, wird von einer Pflegerin angezogen. Dann wieder ausgezogen. Anschließend wieder angezogen - eine lähmende Routine.

Ähnlich wie Elfriede Jelinek gibt Caryl Churchill den Theaterleuten ein hohes Maß an Freiheit. Sie können entscheiden, wie viele Figuren auftreten - in London sind es neun - und wie genau der Text arrangiert werden soll. Elemente des zweiten Blocks können gut in den ersten eingefügt werden. Der Regisseur und die Schauspieler haben viele Möglichkeiten.

Das Alter ist ein kaltes Fieber

In London inszenierte Dominic Cooke die Uraufführung. Der Regisseur hat lang am Royal Court in London gearbeitet, d e r britischen Bühne für die Avantgarde. Er greift die Herausforderungen Caryl Churchills auf und arbeitet vor allem die Intensität des Stücks heraus.

Die letzte Szene wirkt am stärksten. Ein Einzelzimmer eines Altenheims wird mit Bett, Sessel und einem Rollator angedeutet. Eine Pflegerin zieht einem alten Herrn mit unendlicher Geduld den Schlafanzug aus, das Hemd, die Hose, Strümpfe und Schuhe an. Der alte Herr nimmt mühsam im Sessel Platz. Dann das Entkleiden, der Schlafanzug, das Bett. Drei Mal. Langsam verlöschen die Scheinwerfer. Es ist still geworden im Zuschauerraum, man könnte die sprichwörtliche Nadel fallen hören.

Die Aufführung ist stark, das Ensemble spielt konzentriert, aber eine wichtige Stelle wird fast überspielt. Eine Figur meint, sie könne vielleicht nicht intensiv genug gelebt haben, das Leben gehe so rasch vorbei, man merke gar nicht, dass und wann man zupacken müsse. Hier wird deutlich, was mit dem Titel „Auf geht's!" gemeint sein dürfte: Die Geschwindigkeit, mit der das Leben vorbeieilt, macht es schwer, wenn nicht unmöglich, sich zu orientieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Man müsste eigentlich, nachdem man seine Fehler erkannt hat, mit diesem Wissen ein zweites Mal leben.

Auf die Gefahr, das Leben nicht ernst genug zu nehmen, soll das Stück hinweisen. Das überzeugendste dieses kurzen, nur vierzig Minuten dauernden Schauspiels ist die Mahnung ans Publikum, zu erkennen, wie einzigartig menschliches Leben ist. „here we go" ist sowohl ein Stück über Zerfall, Sterben und Tod als auch gleichzeitig über die Kostbarkeit menschlichen Lebens.

Beides gehört untrennbar zusammen.

Aufführungen am 30. Nov. - 19. Dez. Spieldauer: 40 Min.

Box Office.: 0044 20 7452 3000 - Internet: www.nationaltheatre.org.uk

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