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Lars Noréns „3.31.93" zum ersten Mal auf Deutsch in Köln

16/11/2015 22:34 CET | Aktualisiert 16/11/2016 11:12 CET

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Tragische Farce

KÖLN. Lars Norén ist heute, was August Strindberg (1849 - 1912) in seiner Epoche war: der bedeutendste zeitgenössische Dramatiker Schwedens. Seine ersten Stücke machten Skandal, der junge Norén mischte Menschenasche mit Muttermilch und Blut mit Sperma.

Sein neuestes Stück heißt „3.31.93", das Rätsel des Titels löst das Programmheft zur deutschsprachigen Erstaufführung (am Donnerstag in Köln) mit einer plausiblen Erklärung: „3 Teile à 31 Szenen = 93 Situationen". Der Untertitel ist sprechender: „Ein Großstadtreigen".

Selbstgerechtigkeit hoch zwei

Einige Bilder gehören zusammen, sie schildern das Schicksal mehrerer Figuren. Allerdings hat „3.31.93" keine durchgehende Handlung, der Eindruck überwiegt, dass die Szenen unverbunden nebeneinander stehen. Das übergreifende Thema ist der Zerfall: Eine alte Alkoholikerin besteht darauf, sich tot zu saufen; fortschreitender Alzheimer zerstört das Erinnerungsvermögen und die Sprechfähigkeit eines freundlichen Zeitgenossen; ein Schlaganfall führt zur Lähmung; eine Affäre bedroht eine Ehe. Die stärkste Bilderfolge dreht sich um eine Scheidung. Ein Mann kann es nicht ertragen, dass seine Frau sich von ihm trennen will. Sie wirft ihn raus, er zieht zu seinen Eltern und klagt denen wortreich ihr Leid. Das ist einerseits tragisch, andererseits komisch - denn der Mann treibt seine Rechthaberei derart auf die Spitze, dass man sich nur wundern kann, wie blind er gegenüber seiner Schwäche ist - er vermag nicht zu erkennen, wie zerstörerisch er selbst ist, während er seiner Frau in einem Furor der Unzurechnungsfähigkeit alle Schuld zuschiebt. Dieser Gatte ist ein bisschen verrückt und man muss schmunzeln - Norén treibt mit Entsetzen Scherz.

Thomas Müller spielt den Mann in seiner Blindheit als Wüterich - er erntet immer wieder Lacher des Publikums, ein Höhepunkt der Erstaufführungsinszenierung von Moritz Sostmann. Das ganze Ensemble spielt brillant - das liegt zum Teil an einer Besonderheit: Viele Figuren werden von Puppen dargestellt, die von den Schauspielern geführt werden und deren Text sie sprechen. Die Puppen sind etwa halb so groß wie Menschen, mit weißen, plastischen Gesichtern und Kostümen unserer Zeit. Die Aussage ist klar. Wir Menschen sind ebenso hölzern und lernunfähig wie Puppen. Uns fehlt es an Seele und Selbstkritik, wir entwickeln uns nicht weiter.

Altersstück

Lars Norén wurde 1944 geboren, er steht bald an der Schwelle zum Alter. „3.31.93" ist kohlrabenschwarz eingedunkelt. Der Tod spielt die unsichtbare Hauptrolle - obwohl wir wissen, dass wir sterblich sind, lernen wir nicht dazu.

Ein pessimistisches, ein tragisches und gleichzeitig komisches Stück, das an Thomas Bernhard und Samuel Beckett erinnert. Lars Norén hat mit „3.31.93" eine tragische Farce geschrieben.

Ulrich Fischer

Aufführungen: 18., 22. und 29. Nov.; 4., 19. und 30. Dez. - Spieldauer: 3 Std. 20 Min.

Kartentel.: 0221 - 221 28400 - Internet: www.schauspielkoeln.de

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