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Konkurrenz belebt das Geschäft

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Saisonauftakt an der Alster: Schauspielhaus schlägt Thalia

HAMBURG, eine der reichsten Städte der Republik, leistet sich zwei Schauspielbühnen. Nach der alten Kaufmannsweisheit „Konkurrenz belebt das Geschäft hetzt sie zwei Ensemble gegeneinander, eines soll das andere überbieten, das Publikum profitiert. Am Freitag hatte das Thalia den Aufschlag:

„Wut/Rage" im Thalia

Das Thalia mixte „Wut" von Österreichs Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit „Rage" von Simon Stephens, einem der derzeit profilierten Stückeschreiber Britanniens.

Regisseur Sebastian Nübling hatte zu Anfang die Idee, Karin Neuhäuser als Brandschützerin auftreten zu lassen. Während ihres halbstündigen Monologs rollte sie ein schwarzgelbes Absperrband langsam ein und erzählte und berichtete - eine ironische Verbeugung vor der Autorin, deren Kunst nicht zuletzt darin besteht, Tageserlebnisse aufzugreifen, mit eigenen Gedanken assoziativ zu verknüpfen und zu überlegen, in welchen Stücken, vor allem von Klassikern der Antike, ähnliche Probleme verhandelt wurden. Die Brandschützerin in einer wenig kleidsamen blaugrauen Uniform tut wenig - sie macht Glossen, sarkastische Bemerkungen, warnt, aber sie wird den Brand, vor dem sie warnt, kaum verhindern können. Dieses Missverhältnis von Gefahr und Handlung grundiert den Abend. Es ist auch eine Selbstreflexion des Theaters - es ist weithin machtlos. Wie Kassandra: sie sieht die Zukunft, warnt vor dem nahenden Unheil, aber niemand glaubt ihr.

Über Gott wird vielgesprochen, SEINE Abwesenheit beklagt, SEINE Neigung, Söhne den Vätern zu opfern, angegriffen; noch stärker aber wird die Konsumidiotie durch den Kakao gezogen, wobei IDIOTIE betont wird. Sechs Mitglieder des siebenköpfigen Ensembles stehen minutenlang auf der Bühne und wedeln mit den Hüften, Zeichen einer entleerten, überraschend leidenschaftslosen Sexualität. Schimpfworte und Gossensprache übergipfeln sich, ohne wirklich noch im Mindesten zu provozieren. Es gibt eine Anleihe bei Shakespeare: Ein Pförtner, der nachts öffnen soll und vorher noch endlos pisst und dabei dem Publikum seine Gedanken über den desaströsen Weltzustand mitteilt, verwandelt sich im Thalia auf der großen Bühne in einen Herren, später in eine Dame, die endlos Wasser lassen. Es wird auch gekotzt - Simon Stephens hat sich von Beobachtungen in einer Silvesternacht inspirieren lassen. Die Sinnlosigkeit des gedanken- & schrankenlosen Genusses am Überfluss belustigt einerseits, andererseits ist sie ärgerlich. Aber nie macht sie wütend. Wer angesichts des Titels „Wut/Rage" nach eben dieser Wut sichte, suchte vergeblich.

Den allermeisten Figuren (die Brandschützerin ausgenommen) fehlt jede Kontur. Wen sollen die Schauspieler darstellen? Im Programmheft heißt es wolkig, es gehe um Bewusstseinsströme - Dramaturgenlyrik. Was soll das heißen? Wessen Bewusstsein? Wie kommt es zustande?

Es gab überhaupt kein Zentrum des Stücks - sollte es auch nicht. Vielmehr stellen sich Text und Inszenierung deutlich in die Tradition der Absurden. Sinn und Bewegung fehlen, keine Dynamik, schon gar nicht hin zu Gutem oder wenigstens Besserem. Unentschieden bleibt, ob hier die Existenz des Menschen angeklagt wird - dafür würde der Strang mit und gegen Gott sprechen-, oder das Absurde im Sozialen gesucht wird - die Schelte des Konsumwahnsinns. Vielleicht ist beides gemeint - wirkt aber ohne wirkliche Spannkraft. Keine Attacke - nirgends.

Die Alten waren besser

Der Klassiker des Absurden, Beckett, hat es besser gemacht, zielgenauer, konzentrierter und auch humorvoller, ja unterhaltsamer. „Wut/Rage" wirkt dagegen epigonal. Eine Schwäche, die fast die ganze junge und mittlere Generation der heutigen Dramatiker teilt. Insofern war es eine Schnapsidee, Elfriede Jelinek mit Simon Stephens zu kreuzen - die Kassandra aus Österreich hat noch die Kraft zur Anklage, Stephens sediert eher. Und in Sebastian Nüblings Inszenierung dominieren Orientierungslosigkeit und Langeweile. Schlechte Zeiten für Thalia, die Göttin des Theaters. Aber das reizt weniger zu „Wut" oder „Rage", mehr zu einem Schulterzucken.

(Gedanke: Im 19.Jahrhundert folgte in der deutschen Theatergeschichte nach dem Aufschwung der Klassik eine lange Epoche der Epigonen - ehe es am Ende mit den Naturalisten wieder aufwärts ging. Sind wir jetzt in einer solch lang(weilig)en Epigonen-Periode?)


Oberflächenrealismus mit absurder Tiefe im Schauspielhaus

Obwohl „Wut" im Thalia wie „Hysteria - Gespenster der Freiheit" ein ähnliches Thema hatten, die Flüchtlinge, unterschieden sich die Uraufführungen wie Tag und Nacht. Schon der Anfang von „Hysteria" war humorvoller als die „Wut" von Anfang bis Ende - ohne den Tiefgang in irgendeiner Weise zu schmälern.

„Hysteria" erzählt eine nachvollziehbare, konsistente Geschichte und zeigt klar konturierte Figuren - Karin Beier und ihr Dramaturg Christian Tschirner lehnen sich an Motive von Luis Buñuel an. Johannes Schütz hat für die riesige Bühne des Deutschen Schauspielhauses einen schicken neuen Bungalow im Bauhausstil entworfen - mit vielen Fensterflächen - wir können gut hineinschauen und sehen, was abläuft. Das Ehepaar, das hier gebaut hat, schon nicht mehr in den allerbesten Jahren, will eine Housewarmingparty machen - obwohl die Dame des Hauses keine Lust hat. Sie ist schwanger - ihr Mann erinnert sie, dass sie feiern müssen, der Chef soll kommen, er soll dringendst seinen Vertrag verlängern. Das Haus muss bezahlt werden.

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Foto: David Baltzer

Die ersten Szenen sind mitreißend, weil wir nichts hören können - nur sehen, wie hinter den Scheiben die Gäste hereinkommen und mit jenem Überschwang begrüßt werden, der nur unzulänglich verbirgt, wie wenig man sich gegenseitig mag oder schätzt. Die Blumen der Gäste steckt die Gastgeberin in den Kühlschrank, eine Plastik aus Ostasien erzeugt unverhohlene Abscheu-Gesten. Alles als Pantomime, das Publikum hat viel zu lachen - die Stimmung im Zuschauerraum ist bestens, als die Stimmung auf der Bühne kippt. Man fühlt sich bedroht. Offenbar von uns, dem Publikum, das den Schauspielern das Allerbeste wünscht und keineswegs Böses im Schilde führt.

Bald ist klar, woher die Bedrohung kommt - von den Akteuren selbst, sie haben Angst und diese Angst, der Schlaf der Vernunft, gebiert Dämonen und Ungeheuer. Sie trauen sich nicht mehr aus dem Haus, weil sie die Gefahr fürchten, die, wie sie wähnen, draußen lauert - und so sind bald die Vorräte aufgezehrt, einer betrügt den anderen, schlimmer wird es, als das Wasser knapp wird. Gemäß den Gesetzen der Komödie nimmt die Handlung ihre schlimmstmögliche Wendung (Dürrenmatt), Waffen tauchen auf, einer bedroht den anderen und bringt ihn um. Der Rest ist Schweigen.

Dieses Stück hat, obwohl ein absurdes, eine kristallklare Lehre: Seid nicht blöd, macht euch nicht verrückt, sonst werdet ihr selbst euer schlimmster Feind. Die Gefahr lauert nicht draußen, sondern drinnen! In euch, in uns selbst.

Eine Liebeserklärung an die Schauspieler

Die Regisseurin (und Autorin), Karin Beier, macht vieles richtig, vieles glänzend, vieles kenntnisreich (es gibt einen Haufen Anspielungen), am Ende hätte sie aber kürzen können und sollen, eine halbe Stunde weniger wäre mehr gewesen. Beiers beste Regieideen geben den Schauspielern Raum: In den stummen Partien exzellieren die Mimen mit genauester, teilweise outrierter Körpersprache. Und dann gibt es Momente, in denen die Kontinuität unterbrochen, das Spiel eingefroren wird: Wir Zuschauer können für einige Sekunden bewundern, wie die Darsteller in jedem Moment die richtige Mimik und Gestik auswählen. Und wie präzise das Arrangement konstruiert wird. Die Schauspieler agierten durchweg begeisternd auch und gerade in schwierigen surrealistischen Momenten, und bestachen durch ihre Spielfreude.

Die Lehre ist plausibel - Gelassenheit ist mal wieder die Tugend der Stunde. Wenn man es bedenkt, war das Stück, ohne dass die Kanzlerin auch nur erwähnt wurde, eine Femmage an ihre Politik.

Ulrich Fischer

Aufführungen „Wut" am 24. u. 25. Sept.; 22. u. 23. Okt.; Aufführungsdauer: 2 Std.
Kartentel: 040- 32814444 - Internet: www.thalia-theater.de
„Hysteria" am 21.9.; 1. und 23. Okt.; Aufführungsdauer: 1 Std. 45 Min.; Kartentel.: 040 24 87 13 - Internet: www.schauspielhaus.de