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Kleists „Zerbrochener Krug" im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

HAMBURG. Michael Thalheimer feierte in Salzburg beim ehrwürdigen Festival vor Jahren als junger Regisseur einen Skandalerfolg. Nach seiner Inszenierung von Büchners "Woyzeck" wollten die Buhs kein Ende nehmen - Thalheimer hatte den armen Mann als faulen Sack gedeutet, der es sich, vollgefressen, in der sozialen Hängematte bequem machte. Die Interpretation war an den Haaren herbeigezogen, ein Schlag ins Gesicht des Publikums - genau diese Aufmerksamkeit dürfte Thalheimer angepeilt haben. Er bekam Anschlussaufträge, wurde sogar mal als möglicher Intendant des Deutschen Theaters gehandelt, wiegt sich jetzt in den Wogen mäßigen Durchschnitts - ein großer Wurf ist ihm bislang nicht gelungen, mehr Haschen nach Wind. Aber vielleicht würde sich jetzt das Blatt wenden? Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg kündigte an: Thalheimer inszeniert zum ersten Mal bei uns - und zwar Heinrich von Kleists "Zerbrochenen Krug".

Positive Überraschung

Und siehe da, die Inszenierung - wie immer kurz und knapp, 100 Minuten - lohnte sich. Es begann mit einem frappierenden Auftritt. Carlo Ljubek trat, bis auf schwarze Socken, unbekleidet auf und

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Markus John als Gerichtsrat Walter und Carlo Ljubek als Dorfrichter Adam - Foto: Matthias Horn

überquerte langsam die Bühne. Er spielte den Dorfrichter Adam, sein Körper war mit Schründen und Wunden übersät. Je länger der Richter nackt blieb, desto dringlicher wurde die Frage: Warum? Der Antwort kommt näher, wer beobachtet, dass seine Mitspieler offenbar gar nicht wahrnahmen, dass Adam nackt war; es scheint ihnen kein Skandal, sondern das Normalste von der Welt.

Die da oben, wir hier unten

Olaf Altmann hatte die Große Bühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg zweigeteilt. Links ein kaum 1,80 m hoher enger Raum für die Dorfgesellschaft, die nur geduckt stehen konnte, rechts ein hoher Saal für den Richter, seinen Schreiber und den Rat - das Gericht, die Respektspersonen. Die Geschichte, von Kleist konstruiert wie ein Uhrwerk, lief präzise ab, es wurde immer klarer, dass Dorfrichter Adam Eve bedrängt hatte, dass er der Übeltäter war, dass er den Krug, der dem Spiel seinen Titel gibt, zerbrochen hat.

Je klarer das wird, desto drängender wird die Frage, warum die Dorfleute sich das gefallen lassen. Warum gehen Ruprecht und sein Vater nicht auf den Unhold von Richter los, warum gelingt es immer wieder dem Gerichtsrat mit autoritärem Auftreten, die „Ordnung" aufrecht zu erhalten - mit den Geduckten auf der einen und den ungerechten dreisten Herren auf der anderen Seite. Es hat etwas damit zu tun, dass sich alle daran gewöhnt haben, dass Adam nackt ist, sie merken nicht mehr, das Befremden ist weg - wie das Befremden und die produktive Wut über die ungerechte Ordnung.

Gattungsfragen

Diese Deutung hält das Ensemble unter Michael Thalheimers konsequenter Regie aufrecht bis zum Ende. Anders als bei Kleist verläppert sich der Schluss. Die Schauspieler schleichen sich unmotiviert von der Bühne, nur der Gerichtsrat und Eve bleiben. Der nicht mehr ganz junge hohe Jurist betatscht Eve und es gibt keinen Zweifel: die Aufdeckung des Skandals im Dorfrichter Adam hat keinerlei Folgen. Alles bleibt wie es ist.

Damit gelingt Michael Thalheimer eine starke Umdeutung. „Der Zerbrochene Krug" ist nicht etwa, wie Kleist es anstrebte, ein Lust-, der „Zerbrochene Krug" ist ein Trauerspiel.

Was soll das heißen?

(Es gibt viele Mutmaßungen, was der „Zerbrochene Krug" bedeuten soll; die Meisten meinen, Eves Jungferschaft sei gemeint; bei Thalheimer ist mehr zerbrochen, es ist das Vertrauen zwischen oben und unten (ein aktuelles Thema), es ist der Staat, der zerbricht. Kleist selbst gibt dafür Hinweise, wenn er ausführlich beschreibt, wie der Krug bemalt ist - es ist eine Staatsaktion aus der Niederländischen Geschichte. Der Krug hat schwerste Gefahren über Jahrhunderte hinweg unverletzt überstanden -jetzt ist er entzwei. Wenn der Krug zerbricht, zerbricht die Legitimationsgrundlage des Staats - eine kluge und plausible Interpretation. Und aktuell dazu.)
Ulrich Fischer

Aufführungen am 29. 3.; 8., 11. und 18. 4.. Aufführungsdauer: knapp 100Min.
Kartentel.: 040 24 87 13 - Internet: www.schauspielhaus.de