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Ist das Festival d'Avignon das allerallerbeste Festival der Welt?

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FESTIVAL
Christophe Raymon de Lage/Festival d'Avignon
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Eine Zwischenbilanz

AVIGNON. So subversiv war das Festival d'Avignon in den letzten Jahren noch nie. Dieser Eindruck verfestigt sich, je mehr Inszenierungen Premiere haben. Ein gutes Beispiel ist „Yitzak Rabin: Chronik eines Mordes" von Amos Gitaï. Gitaï begrüßte das Publikum im vollbesetzten Ehrenhof des Papstpalastes: "C'est un hommage à cet homme. Il est un acte de respect ..."

Eine Hommage für Yitzak Rabin solle die Aufführung werden, sagte Gitaï, ein Akt des Respekts - aber es wurde mehr: Eine politische Demonstration gegen die derzeitige Politik Israels und für den Frieden zwischen Israelis und Palästinensern. Dieser enge Zusammenhang von Kunst und Politik, die unverhohlene Stellungnahme gegen herrschende Strömungen ist typisch für das Festival d'Avignon. Gitaïs Collage, vor allem Einblendungen selten gezeigter Dokumentarfilme, in denen lautstark der Tod von Ministerpräsident Rabin gefordert wurde, weckt Empörung - Gitaï und sein Ensemble greifen direkt kühn essentielle Legitimationsgrundlagen herrschender Autoritäten an.

Welttheater - Theater über die Welt

Das gleiche gilt für „2666", die wohl längste Aufführung dieser 70. Ausgabe des Festival d'Avignon. Julien Gosselin und sein Ensemble haben den gleichnamigen Roman von Roberto Bolaño für die Bühne bearbeitet - 12 Stunden folgte das Publikum aufmerksam - um dann stehend zu applaudieren. Über zwei Stunden attackieren die Schauspieler die mexikanische Polizei und Regierung. In Ciudad Juarez, einer Grenzstadt zu den Vereinigten Staaten, wurden Mädchen und junge Frauen über Jahre grausam und bestialisch vergewaltigt und ermordet- nichts geschah. Nur die Polizei führte Protokoll.

Das gesamte Stück handelt von der Suche nach einem verschollenen Autor. Auf der Expedition finden sich in der ganzen Welt ungeheure Grausamkeiten. Deutschland darf nicht fehlen - und es wird neben Französisch, Spanisch, Englisch und Russisch auch Deutsch gesprochen. Ein Zeuge will den gesuchten Autor bei Wilhelmshaven gesehen haben: "Ich erinnere mich noch ganz genau an seine Jacke, ein schwarze Lederjacke mit hohem Kragen, wie einst die Gestapoleute sie trugen."

Das Land der Griechen/Mit der Seele suchend

Im Festival d'Avignon fanden und finden sich immer wieder auch deutsche Gruppen, Regisseure und Autoren. Hölderlin z. B. inspirierte die Blitztheatregroup aus Griechenland zu einem Abend über Isolation, Verlassenheit, Verzweiflung und abgrundtiefe Depression. Bei der Wirtschaftslage und der Abhängigkeit der Griechen von - zumindest gefühlten - gnadenlosen Exekutoren einer menschenfeindlichen Politik ist dieses Thema nur allzu verständlich. Geräusche evozieren Bedrückendes, Lähmendes: Glücksferne. Diese nervenzerfetzende akustische Kulisse wird dem ganzen Spiel unterlegt.

Geist statt Geld

Aber den Vogel schoss nicht eine der teuren, üppigen, technisch hoch befrachteten Produktionen ab, sondern ein Theaterkollektiv, das mit seiner Bescheidenheit Herz und Hirn gleichermaßen im Sturm eroberte: „La Piccola Familia" - „Die kleine Familie":

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Foto: Christophe Raynaud de Lage

In diesem Jahr feiert das Festival seine 70. Ausgabe - Zeit für den Spott der Jungen. Die Altvorderen werden durch den Kakao gezogen, die grenzenlose Eitelkeit der Künstler gibt gute Gründe. Nur einer wird verschont: Er trägt einen Strohhut und heißt Jean Vilar.

Vilars Idee von einem Festival in der tiefsten Provinz wird von den einflussreichen Mandarinen in der Hauptstadt verlacht. Die Schwierigkeiten türmen sich - aber schließlich wird Realität, was alle für unmöglich hielten - „Richard II." von Shakespeare geht über die Bretter -Anfang eines Aufstiegs, der bis heute anhält.

Während die Schauspieler nur nach Ruhm und guten Kritiken gieren, blickt Vilar weiter. Er will sein Theater als Mittel der Emanzipation der Erniedrigten und Beleidigten. Vilar ist Kommunist. Die Kunst ist ihm Waffe in Klassenkampf. Obwohl der Theatermann Erfolg hat, wird er immer deprimierter. Sein Ziel rückt nicht näher, die Gesellschaft wird nicht besser. Vilar notiert: „Wir werden erst ein gutes Theater haben, wenn wir eine gute Gesellschaft haben."

Schluss, aus! Der Beifall will nicht enden.

Wir haben weder eine gute Gesellschaft noch wirklich gutes Theater, das ist die Quintessenz. Wie sollten uns anstrengen. Es wird mal Zeit nach siebzig langen Jahren. Das ist die Botschaft von Jean Vilar, vom Festival und von der Piccola Familia, eine stolze Vertreterin des Armen Theaters.

La lutte continue. Der Kampf geht weiter.

Ulrich Fischer

Das Festival d'Avignon dauert noch bis zum 24. Juli
www.festival-avignon.com