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Grundfragen

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Rimini Protokoll protokolliert „Brain Projects"

HAMBURG. „Nosce te ipsum" - „Erkenne dich selbst!" haben uns die Philosophen seit jeher aufgegeben; „nosce te ipsum" wiederholt das Theater immer und immer wieder, fordert von uns, seinem Publikum: „Erkenne dich selbst!" Insofern packte Rimini Protokoll bei seinem neuesten Abend „Brain Projects" den Tiger energisch beim Schwanz, denn es ging um Selbsterkenntnis und Erkenntniskritik. Helgard Haug und Daniel Wetzel führten Regie und baten drei Hirnforscher auf die Bühne, zwei Damen, ein Herr. Irini Skaliora begann und berichtete über ihre Forschungen. Sie hatte Mäusen Gehirne entnommen, die Organe in Nährlösungen aufbewahrt, dann in hauchdünne Segmente geschnitten, um der Wirkweise der Zellen auf die Spur zu kommen. Welche Verbindungen suchen sie, welche gehen sie ein?

Das Gehirn ist ein Theater

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Heike Gallmeier hat die Bühne im Malersaal, der Werkstattbühne des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, in eine Art Labor verwandelt; zudem dominiert die Spielfläche ein System von Leinwänden, die herabgelassen und wiederaufgerollt werden können und mitunter als Projektionsfläche dienen. Links steht ein Tisch, auf dem ein Modell des Malersaals aufgestellt werden kann, einige Elemente zeigen im verkleinernden Maßstab zum Beispiel einen Kernspintomographen. Jetzt kann mit Hilfe ausgefeilter Technik der Eindruck erweckt werden, als zeige die Projektion nicht das kleine Modell, sondern ein Bild der Bühne mit einem regelrechten dreidimensionalen Tomographen, in den Felix Hasler hineingefahren wird, um sein Gehirn untersuchen zu lassen. Gleichzeitig sieht der Zuschauer aber, dass alles eine Konstruktion ist - vielleicht arbeitet so unser Gehirn, dass es Dinge, die in Größe und Dimension gar nicht zusammenpassen, zusammenfügt, als ob sie doch zusammenpassten. Als ob! Die Theaterebene sagt ganz deutlich, unmissverständlich: Der Schein trügt.

Felix Hasler bekam als zweiter das Wort. Er ist ein systematischer Zweifler, stellt kritische Fragen an das Verfahren von Irina, die sie nicht zu beantworten vermag. Und Lobna Allamil berichtet von ihrem Schicksal: Sie wurde von einem Geschoss bei einer Demonstration in Istanbul getroffen, verlor ihr Bewusstsein und konnte, als sie erwachte, nicht mehr sprechen. Es brauchte lange, bis sie ihre Kenntnis „wieder"erwarb - was ist da in ihr vorgegangen?

Sie weiß es nicht. Sie kann nur spekulieren.

Zweifel als produktives Prinzip

Der Abend ist grundsätzlich und radikal skeptisch. Der Hoffnung vergangener Jahrzehnte, die Wissenschaft werde rasch herausfinden, was das ist, unser Gehirn, unsere Gedächtnis, unsere Wahrnehmung, hat getrogen.

Ein stiller, kluger, feinsinniger Abend mit einem Erkenntnisgewinn, wenn es dessen denn bedurfte:

Es ist nicht wünschenswert, etwas zu glauben, wenn kein Grund vorliegt, es für wahr zu halten. (Lord Russel)
Ulrich Fischer

Aufführungen am 20., 21. u. 22. Sept.; 22. u. 23. Okt.; Aufführungsdauer: 1 Std. 40 Min.
Kartentel.: 040 24 87 13 - Internet: www.schauspielhaus.de