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Geschrumpft

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WALLENSTEIN
dpa
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Schillers "Wallenstein" in Berlins Schaubühne

BERLIN. „Wallenstein", Schillers Opus magnum, ist eine Trilogie: „Wallensteins Lager", „Die Piccolomini" und „Wallensteins Tod". Der Umfang ist enorm. Als Peter Stein im Mai 2007 das Werk eng am Text inszenierte, brauchte er über zehn Stunden. Michael Thalheimer kam mit drei Stunden aus. Seine Inszenierung, die am Vatertag an der Berliner Schaubühne herauskam, ist eine Schrumpfform.

Gleich am Anfang fehlt ganz „Wallensteins Lager", unentschuldbar. Denn so kann keiner verstehen, wie stark der Feldherr auf seine Soldaten angewiesen ist. Als sie ihm ihre Loyalität verweigern, haben seine Mörder leichtes Spiel. Schiller ist da schon sehr demokratisch, Diedaoben sind auf Unshierunten angewiesen - aber das kann man in Berlin nicht erkennen. Überhaupt war es besser, wenn man die Trilogie vor der Aufführung noch einmal sorgfältig gelesen hatte - sonst wurde die Handlung nicht klar, Thalheimers Sprünge sind zu groß und willkürlich. Er macht aus der Tragödie eine Collage und manchmal, noch schlimmer, schlicht und einfach Hackepeter.

Dazu kommt, dass die Schauspieler ein irres Tempo vorlegen. Obwohl sie außerordentlich sorgfältig artikulieren, sind sie kaum zu verstehen. Die Verse sind höchst poetisch und kompliziert - kaum hat man eine Metapher entschlüsselt, sind die Akteure schon zwei Verse weiter.

Das Ensemble spricht laut, forciert - das Marmorne der Verse wird so hörbar, die Distanz zwischen Schauspieler, Figur und Zuhörer wird vergrößert.

Die apokalyptischen Reiter

Manchmal aber überwindet ein Darsteller die Entfernungen, es wird laut geschrien - z.B. bei der Mordszene am Ende, wenn Wallenstein blutig massakriert wird. Die Regie geht voll in die Übertreibung - auch auf die Gefahr unfreiwilliger Komik. Da spritzt einfach zu viel Theaterblut. Ingo Hülsmann in der Titelrolle ist wegen seiner Textsicherheit zu bewundern, aber gegen einige Zumutungen der Regie hätte er sich stärker verwahren sollen.

Kostüme und Bühnenbild meiden Anspielungen auf die Zeit vom Dreißigjährigen Krieg - es geht Thalheimer offenbar nur um Krieg, zeitenthoben, ganz abstrakt. Woher er kommt, wissen wir nicht.

Die Mangel an Analyse ist ein Programmpunkt Thalheimers - er glaubt einfach nicht, dass wir mit Gedankenklarheit dem Rätsel Krieg auf die Spur kommen können. Und das bringt er ganz am Anfang mit einem eindrucksvollen Bild zur Anschauung:

Wenn das Publikum in den Zuschauerraum geht, ist der ganz vernebelt. Man kann kaum zu seinem Platz finden oder die Bühne sehen. Die ist dunkel und wird, als das Saallicht erlischt, noch finsterer, kaum mal ein Punktscheinwerfer, der ungewisses Zwielicht erzeugt. Ganz langsam kann man einen halben, in der Mitte quer durchgeschnittenen Pferdekadaver erkennen, der vom Bühnenboden an einem Strick hängt. Offenbar reitet jemand auf der Pferdeleiche. Aus dem Lautsprecher hört man laut dumpfe Bässe, so dass der Fußboden vibriert, und noch lauter ein Schlagzeug, das ein Pferd im Galopp imitiert (Musik: Bert Wrede). Man muss, man soll offenbar an die drei apokalyptischen Reiter denken, Ritter, Tod & Teufel werden eindrucksvoll beschworen. Aber auch wieder nicht, wegen der Übertreibung hört sich die zu lang ausgewalzte Ouvertüre an, als käme der Schimmelreiter gleich drei Mal. Dann merkt man, wie alles gemacht, konstruiert ist, dass dem Zuschauer imponiert werden soll - und damit ist ein gut Teil der Wirkung perdu.

Thalheimer nähert sich dem Thema Krieg mit dem Theater des Grauens, mit symbolischen Mitteln. Schiller war weiter - eine sorgfältige, dem Text nachspürende Inszenierung wie die Peter Steins 2007, auch in Berlin, war/ist da ergiebiger - auch ohne apokalyptische Reiter.
Ulrich Fischer

Aufführungen am 6., 7. und 9. Mai; 10., 11. und 12. Juni - Spieldauer: 3 Std.
Kartentelefon: 030 890023 - Internet: www.schaubuehne.de

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