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Gehobenes Mittelmaß

29/07/2017 09:45 CEST | Aktualisiert 29/07/2017 09:55 CEST

Harold Pinters „Geburtstagsfeier" bei den Salzburger Festspielen

SALZBURG. Die Salzburger Festspiele werden wieder von einem Musiker geleitet: Markus Hinterhäuser ist von Haus aus Pianist. Und das hat Auswirkungen - wie bei jedem Dreispartenhaus. Musiker bevorzugen Opern und Konzerte. Das Schauspiel sitzt in dieser Saison am Katzentisch. Es gibt nichts Neues - und das, obwohl Österreich eine Dramatikerin vorzuweisen hat, die mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist. Wer einen neuen Text von Elfriede Jelinek auf der Bühne sehen möchte, muss im Ruhrgebiet suchen, bei Salzburgs Konkurrenz, der Ruhrtriennale.

Wer sind sie? Was wollen sie?

Salzburg setzt aufs Bewährte, z. B. auf einen Klassiker der Moderne, auf Harold Pinters "The Birthday Party" - "Die Geburtstagsfeier". Die tragische Farce spielt in England, in einer schlichten Pension an der Küste. Das Wirtspaar hat nur einen Gast, Stanley - mehr nicht. Die Handlung setzt ein, als zwei weitere Gäste sich einmieten. Wer sind sie? Sie stellen sich nicht wirklich vor und wirken unheimlich. Auf ihre Initiative hin wird abends Stanleys Geburtstag gefeiert, obwohl Stanley beteuert, gar nicht Geburtstag zu haben. Bei der Party gibt es Streit, Stanley wird verletzt und am nächsten Morgen von den beiden neuen Gästen weggebracht. Wohin? Hatten sie einen Anschlag auf Stanley vor? Warum? - Fragen ohne Antwort.

"Die Geburtstagsfeier", 1958 uraufgeführt, ist das erste abendfüllende Stück von Harold Pinter. Und es hat schon viele Eigenschaften, die Pinter unvergleichlich machen: Unter einer Oberfläche des Normalen brodelt das Absurde. Die Krise kündigt sich an, bevor sie ausbricht.

Ratlose Regie

Genau das unterstreicht und betont Andrea Breth in ihrer Inszenierung. Sie nutzt Bausteine des Absurden: Echoeffekte z.B. oder das unmotivierte Unterbrechen einer Szene durch das Erlöschen der Scheinwerfer - so etwas wie Kontinuität wird in Frage gestellt. Dennoch gelingt es der Regisseurin nicht, die Bedrohung zu beschwören, die im Mittelpunkt der „Geburtstagsfeier" stehen sollte.

Das Ensemble spielt Figuren, die nicht handeln, sondern alles über sich ergehen lassen - diese fatale Passivität ist ein Hauptgrund dafür, dass das Unglück, das sich ankündigt, wirklich wahr werden kann. Aber das ist nicht abendfüllend, die dreistündige Aufführung hat zähe Passagen. Kein Darsteller vermag die Inszenierung aus den Fesseln der gehobenen Mittelmäßigkeit zu befreien.

Das Beste ist das Bühnenbild

Nur Martin Zehetgrubers Bühnenbild deutet darauf hin, was möglich gewesen wäre. Das Außen ist ins Innen weit vor- und eingedrungen, in der Pension wachsen auf Sandhügelchen Seegrasbüschel und die Ruine eines gescheiterten Bootes schiebt sich im Lauf des Stücks immer weiter auf die Szene, dominiert zum Schluss die Bühne.

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Das Boot istgescheitert - Foto: Bernd Uhlig

Überdies stimmen die Proportionen nicht, die Portale sind zu groß für Darsteller. Will Zehetgruber andeuten, der Grund für die Bedrohung sei die Überforderung, die Probleme seien einfach zu groß für uns Menschen?

Über fünfzig Jahre hat die Farce auf dem Buckel - und sie wirkt ein bisschen altmodisch. Andererseits hat diese Zeit auch eine gewichtige Bedeutung: Noch immer gibt es Bedrohungen unter der Oberfläche scheinbarer Normalität. Die Krise, die sich ankündigt, ist sogar stärker geworden. Insofern ist die Aufführung Mahnung, es nicht beim Nichtstun zu belassen. Und ein Hinweis darauf, dass das Theater warnen kann - ohne dass das auch nur irgendeine Folge hat.

Ulrich Fischer

Aufführungen im Salzburger Landestheater: 30. und 31. Juli; 2., 3., 5., 7., 10., 12. und 13. Aug. - Internet: www.salzburgfestival.at

Die Inszenierung ist eine Koproduktion mit dem Wiener Burgtheater; Wiener Premiere: 3. Sept.