BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Ulrich Fischer Headshot

Fortissimo

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Fortissimo
Robert Wilson bearbeitet den "Sandmann" in Recklinghausen

RECKLINGHAUSEN. Robert Wilson hat den "Sandmann" zu einem Musical verwurstet. Er fällt über den fragilen, subtilen Text von E.T.A. Hoffmann (erschienen 1816) mit dem Presslufthammer her und formt aus den Trümmern bizarre Bilder in seiner zur Masche gewordenen Manier. Der amerikanische Bühnenkünstler, der, glaubt man dem Programmheft, acht (!) Doktorhüter gesammelt hat (und damit ein bisschen protzt?), kommt damit dem Stoff keinen Deut näher; im Gegenteil, er entfernt sich von ihm.

Der Stoff

Erzählt wird die Geschichte von einem Studenten, Nathanael, der verrückt wird und sich umbringt. Grund dafür ist ein Erlebnis, das er als kleiner Junge durchlitt. Als er nicht ins Bett wollte, erzählte ihm die Mutter die SchauerGeschichte vom "Sandmann", um ihn gefügig zu machen. Der Sandmann kommt nämlich, wenn kleine Jungen nicht ins Bett wollen, streut ihnen Sand in die Augen und reißt sie ihnen aus, um sie an seine Kinder zu verfüttern.

In keiner der knapp zwei Stunden dauernden Szenen wird in Wilsons Bearbeitung klar, warum Nathanael sich als Heranwachsender oder Student nicht von der Geschichte der Mutter frei zu machen vermag. Er fühlt sich verfolgt vom Sandmann, erblickt ihn in Zeitgenossen und wird deshalb wahnsinnig, ehe er sich in die Tiefe stürzt.

Intensiv expressiv

Wilsons Regie ist, wie immer, ein Stilmix, diesmal vor allem im Raum des Expressionismus und des Pop, des Empire und des Biedermeier, des Films, des Musicals und des Comic Strip angesiedelt - weit entfernt von jeder psychologischen Einfühlung oder Wahrscheinlichkeit. Die Hände und Arme werden tragisch-verzweifelt erhoben, die Finger gekrümmt wie im Vampir- und Stummfilm, es wird viel geschrien - und Wilson, der auch für Bühnenbild und Lichtregie verantwortlich zeichnet, beleuchtet seine Szenen mit wundersam reinem Rot und Grün, das es nirgendwo gibt als in der Welt der Künste. All das wirkt bizarr, übertrieben, und weil so gehäuft, schwer erträglich. Eine Freundin meinte, nah am Kitsch. Da ist was dran. Aber es gab auch überzeugende Elemente, z. B. die Perücke für Nathanael. Der Student bekam feuerrotes Haar, nach oben gebürstet, so dass es aussah, als züngelten Flammen um sein Haupt. Dann aber wieder enttäuschende Einfallslosigkeit, Darsteller staksen unmotiviert von links nach rechts, auch mal von hinten nach vorn - ein Arrangement, das überzeugt, klappt selten. Expressiv, überexpressiv. Sahnetorte mit Buttercreme.

Im Graben

Dazu trägt die Musik ihr Teil bei. Anna Calvi hat sie komponiert - und wo ihr Ausdruck fehlt, setzt sie Lautstärke ein. Die Gardrobieren boten den Zuschauern, die ihre Mäntel abgaben, Ohrstöpsel an; die Dame neben mir hielt sich über ganze Strecken während der Uraufführung am Mittwoch die Ohren zu. Donald Ducks berühmtes Diktum passt auf diese Musik. Als Tick, Trick und Track in Entenhausen die Platten von Melvis Presby hörten, seufzte der weltberühmte Erpel: "Nicht schön, aber laut!" Dabei ist Anna Calvi nicht ein einziger Ohrwurm geglückt.

Sie hat auch die "Lyrics" gedichtet, also die Liedtexte. Sie sind schwer verständlich, weil amerikanisch, und die Sänger artikulieren mäßig, um es zurückhaltend zu sagen. Die kluge Dramaturgin (Janine Ortiz baut Brücken von Künstlern zu Zuschauern) hat die Liedtexte im (instruktiven) Programmheft abgedruckt, das hilft.

Die ganze Vorstellung ist von einem starken Formwillen beherrscht und wirkt aus einem Guss - fremd, bizarr, eine andere Welt. Weit weg. Trotzdem gab sich das Publikum nach anfänglicher Zurückhaltung begeistert.

Applaus, Applaus

Der Applaus war bei der Uraufführung am Mittwoch die beste Szene und gut inszeniert. Erst kamen natürlich die Sängerdarsteller, der Beifall steigerte sich, weil zuletzt der Hauptdarsteller auftrat (wacker: Christian Friedel als Nathanael). Den Akteuren folgten die Musiker, die ihren Teil absahnten, es folgte der Stab mit dem Regisseur - Robert Wilson, in den Siebzigern, trat betont jugendlich mit Schwung auf. Da standen schon einige im Zuschauerraum auf, wir andern mussten folgen, wenn wir sehen wollten, was auf der Bühne los war.

Und dann kamen die Techniker - und das hörte gar nicht auf - ich glaub', es waren drei Mal so viel wie Darsteller (also mehr als dreißig). So wurde sichtbar, welcher Aufwand nötig war, um dieses Artifizielle, Abwegige & Abseitige herzustellen. Riesenbeifall - und eine wirklich gute Idee, den Leuten, die die Arbeit im Verborgenen machen, Anerkennung zu zollen.

Eskapismus

Aber warum der ganze Aufwand? Diese reine Weltflucht? Grauen - nur gespielt. Einmal gab es eine Annäherung an das Grauen, das unsere Tage beherrscht. In einer Szene stirbt Nathanaels Vater - da hört man aus den stark strapazierten Lautsprechern im Großen Haus der Ruhrfestspiele eingebettet in die Musik das Geräusch schießender Maschinengewehre - ansonsten sind die Szenen eine frivole Abwendung von den Sorgen und Nöten, die uns heute bewegen.

Reiner Eskapismus. Das passt nicht zum Anlass - der Eröffnung der Ruhrfestspiele. Die sind schließlich ein Gewerkschaftsfestival. Realismus 2017 sieht anders aus.

Wenn Robert Wilson ein neues Musical ausprobieren möchte, um damit im englischsprachigen Raum Knete zu machen, sollte er sich einen anderen Ort und Sponsor suchen.
Ulrich Fischer

Aufführungen am 4., 5., 6., 8. und 9. Mai; reine Spielzeit knapp zwei Stunden. Die Aufführung ist eine Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus und wird dort übernommen. - Kartentelefon: 02361 92180.