BLOG

Feuerköpfe

08/07/2016 17:50 CEST | Aktualisiert 09/07/2017 11:12 CEST

Festival in Avignon beginnt

AVIGNON. Das Festival d'Avignon ist das größte Sommerfestival Frankreichs, es gilt als tonangebend in Europa und seine Ausstrahlung ist weltweit. Die Einladung, in Avignon aufzutreten, bedeutet für jeden Künstler einen Zuwachs an Prestige. Für Besucher ist Avignon während des Festivals so attraktiv, weil neben dem internationalen noch ein Festival der Freien Gruppen über die Bretter geht, die die Welt bedeuten, und viele Straßenkünstler Plätze und Boulevards in der Altstadt beleben.

Es geht los!

Hell klangen die Fanfaren am Mittwochabend, wie es die Tradition gebietet, und wie die Tradition es gebietet ging die erste wichtige Inszenierung im Ehrenhof des Papstpalastes über die Bühne. Auf dem Programm stand "Les Damnés" - "Die Verdammten" - nach Luchino Viscontis gleichnamigem Film. Visconti stützt sich auf die "Götterdämmerung", Themen sind Macht und Reichtum, Verbrechen und Zerstörung, Liebe, Dekadenz und Zerfall. Visconti hatte in seinem epochalen Film die Handlung in der Ära des Nationalsozialismus in Deutschland spielen lassen. Eine reiche Industriellenfamilie, die Züge der Krupps trägt, zerfleischt sich gegenseitig. Ivo van Hove führte Regie, er legte nahe, dass Deutschland sich bis heute nicht grundsätzlich gewandelt hat.

Van Hove ist als Regisseur inzwischen arriviert, auf allen großen Festivals zu Hause und hat sich, um überall kompatibel zu sein, eine an Routine grenzende Eleganz zugelegt, seine geschmeidige Regie nimmt rauen Stoffen das Anstößige. So auch in Avignon. Dem kommt entgegen, dass sein Ensemble aus Akteuren der Comédie-Française besteht, das makellos spielt; besonders ihr Französisch ist unübertrefflich, die Aussprache von klassischer Klarheit, die Dialoge, selbst in äußersten Exaltationen noch, voll kultivierter Musikalität.

Die Steine sprechen

Aber der Ehrenhof des Papstpalastes setzte sich gegen Gefälligkeiten durch. Der riesige Raum wirkt wegen seiner hohen Mauern weniger als Schutz, mehr wie ein Gefängnis. Viscontis These, dass unermesslicher Reichtum zu Gier, Verbrechen, Zerfall und Untergang führt, die behauptete Zwangsläufigkeit, wird anschaulich in diesem mächtigen Bühnenbild - die Steine sprechen. Die Inszenierung klagt den Kapitalismus an. Aber auch das neue, aktuelle Hegemoniestreben Deutschlands.

Der Chef, ein Revolutionär

Intendant des Festival d'Avignon ist Olivier Py, weit über Frankreichs Grenzen hinaus bekannt als Maßstäbe setzender Vertreter des katholischen Volkstheaters. Er hat sich als Dramatiker profiliert, als Schauspieler, als Regisseur und als Theaterleiter. Jetzt macht er als Intendant von sich reden.

Py nutzte seine Pressekonferenz zur Eröffnung des Festivals, um seinen lebhaften Unmut über die Politik seines Landes, gegen die Lähmung, den Reformstau in Frankreich zum Ausdruck zu bringen. Er selbst inszeniert den "Gefesselten Prometheus" nach Äschylos - und will den Ungehorsam, das Rebellentum feiern und entfesseln - ein Gedanke, der das ganze Programm durchzieht. Das gleicht dem Geist von Stéphane Hessel und seiner kleinen, so wirksamen, flammenden Schrift: "Indignez-vous!" - "Empört Euch!"

Ein Jubeljahr

In diesem Jahr geht das Festival d'Avignon zum 70. Mal über die Bretter, die die Welt bedeuten. Als Jean Vilar 1947 das Festival aus der Taufe hob, überwog die Skepsis: Kultur gibt es nur in Paris, nicht auf dem Land, unkten viele Konservative. Inzwischen ist das Festival weltberühmt. Nie hat es dem Publikum nach dem Mund geredet, im Gegenteil, das Festival fordert seine Zuschauer.

Py ist beim Publikum gefürchtet, weil er lange Stücke schreibt, inszeniert und einlädt. Starkes Sitzfleisch müssen z.B. Theaterfreunde mitbringen, die "2666" sehen wollen, eine Inszenierung von Julien Gosselin, die sich auf einen Roman des chilenischen Autors Roberto Bolaño stützt. Eine wilde negative Utopie wird angekündigt, Bolaño greift auf Erfahrungen in seinem mexikanischen Exil (die berüchtigte Ciudad Juarez) zurück - das Festival setzt für die Uraufführung sage und schreibe: 12 Stunden an!

Das ist kein Spaß!

12 Stunden - wer stöhnt da nicht. Aber immer wieder gab es in den letzten Jahren beim Festival d'Avignon lange Theaternächte - sie haben sich in die Erinnerung eingegraben, sind unvergesslich. Die Mühe lohnt. Überdies wird meistens unter freiem Himmel gespielt, bei gutem Wetter sind die provençalischen Nächte balsamisch. Dieses Flair hat kein anderes europäisches Fünfsterne-Sommerfestival, weder Salz- noch Edinburgh.

Dies ist die 70. Ausgabe des Festivals in der Provence. Py hat zum Jubiläum ein überreiches Programm zusammengestellt; er bleibt dem Motto des Gründers, Jean Vilar, und des Volkstheaters treu, das in aller Welt gilt:

Kunst für alle!

Ulrich Fischer

Das Festival d'Avignon dauert noch bis zum 24. Juli.

Internet: www.festival-avignon.com

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: