BLOG

Experiment

25/09/2015 12:39 CEST | Aktualisiert 25/09/2016 11:12 CEST

"Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" bei der Ruhrtriennale vertanzt

DUISBURG. Die letzte Uraufführung der diesjährigen Ruhrtriennale war ein Tanzabend: Anne Teresa De Keersmaeker vertanzte Rainer Maria Rilkes (1875 - 1926) „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" (Dritte Fassung von 1906).

Die berühmte Choreographin aus Brüssel hatte sich dieses Projekt schon lange vorgenommen. Sie trat selbst auf (in einem Industriedenkmal, der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord), verzichtete weitgehend auf begleitende Musik, sprach den Text (auf Deutsch, manchmal schwer zu verstehen, deshalb wurde der gesamte Text an die Rückwand projiziert) - und tanzte dazu - dieses Crossover nannte sie „Literaturtanz".

Schon der Begriff hätte sie warnen sollen, das ganze Projekt erwies sich als Schnapsidee.

Kurzer Prozess

Rilkes Erzählung ist kurz: sie berichtet von einem jungen Soldaten, der im 17. Jahrhundert in den Krieg gegen die Türken zog. Nach den Strapazen des wochenlangen Ritts werden die Offiziere in einem Schloss Willkommen geheißen - die Ballnacht mündet in ein erotisches Abenteuer.

Der tiefe Schlaf des erschöpften Cornets findet ein jähes Ende: er wacht auf, als das Schloss brennt. Ohne sich zu rüsten, fasst er die Fahne, galoppiert, wie im Rausch, seiner Einheit voran, mitten in die Feinde hinein und wird dort zusammengehauen.

Die Erzählung endet mit der Nachricht, dass sie Mutter weinte, als sie vom Tod ihres Sohnes erfuhr.

Viele deutsche Soldaten haben sich den kurzen Text in den Tornister gesteckt, als sie in den Krieg zogen.

Gibt es ein besseres Leben als Liebe, Rausch und Tod im Kampf? Den Allermeisteb scheint der Gedanke heute fremd, aber ähnlich empfinden wohl abenteuerliche Herzen, die in unseren Tagen nach Syrien ziehen, um dort ihre Glück und/oder den Tod zu finden.

Atemlos

Doch eine solche Interpretation, die den Text kritisch als verwirrtes jugendliches Bewusstsein deutet, findet sich bei De Keersmaeker nicht. Überhaupt keine Interpretation. Es ist abwegig, tanzen zu wollen und dabei einen langen Text zu sprechen - der Atem reicht nur für das eine oder das andere.

Frau Keersmaeker spricht achtbar deutsch - aber sie kann nicht präzise genug artikulieren. Wer die Geschichte verstehen will, muss auf die Rückwand schauen, dort wird er projiziert. Aber wer auf die Rückwand starrt, bekommt (bestenfalls) nur wenig mit von dem Tanz - was sich als nicht so schlimm erweist, der Abend ist tänzerisch kaum ergiebig.

Es gibt nicht eine einzige Szene, die spräche. Als das Schloss brennt, bekommen die Scheinwerfer Rotfilter. Die Beleuchtung ist wirksamer als die abstrakten, oft hermetischen Bewegungssequenzen.

Neben Keersmaeker tritt noch Michaël Pomero auf - der elegante, schlanke Tänzer stellt wohl einen Kameraden des Cornets dar und verschwindet am Ende. Chryssi Dimitriou spielt auf der Querflöte Atonales (Salvator Sciarrino), was bestenfalls als Hörbarmachen der Verwirrtheit des Cornets gedeutet werden kann - aber nichts wirklich zur Klärung beiträgt.

Nicht nur als Choreographin und Tänzerin ist Keersmaeker an diesem Abend unerheblich, auch als Schauspielerin. Nicht nur wegen ihrer anfechtbaren Aussprache, sondern auch wegen ihrer Haltung.

Sie spricht ergriffen, möchte wohl auch gern ihre Zuschauer ergreifen, aber packt sie gerade deshalb nicht - ihr fehlt Distanz zum Text. Das Experiment, die musikalischen Valeurs von Rilkes stark lyrischem geprägtem Text aufzunehmen und in Tanz umzuwandeln, ist missglückt - die Grundlage des Scheiterns. Literaturtanz ist Murks.

Ulrich Fischer

Auff. in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord am 25. und 26. Sept. - Internet: www.ruhrtriennale.de

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft