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Europäische Erstaufführung von Robert Lepages 887

17/08/2015 08:46 CEST | Aktualisiert 17/08/2016 11:12 CEST

Unterhaltsam und anspruchsvoll

EDINBURGH. Als kurz nach dem Ende des 2. Weltkriegs die Gründerväter des Edinburgh International Festivals nach einem Vorbild suchten, schauten sie nach Salzburg - so wurde das Festival am Firth of Forth genauso konservativ und an der Kunst des 19. Jahrhunderts ausgerichtet wie das Fest an der Salzach. Das hat sich gründlich geändert. Das Fringe-Festival in Edinburgh, das Festival Freier Gruppen, hat zeitgenössische Kunst nach Schottland gebracht und das International gedrängt, mitunter auch genötigt, sich für unsere Zeit zu öffnen.

Während Salzburg in der Sparte Schauspiel in diesem Jahr mit Verrissen in Windstärke 12 leben muss, kann Edinburgh triumphieren. „The Encounter" - „Die Begegnung" - von Simon McBurney z.B. erntete schon Elogen. Am Donnerstag präsentierte das Edinburgh International Festival eine europäische Erstaufführung, das neue Stück von Robert Lepage.

Lepage und seine Gruppe Ex Machina sind berühmt, ihr Feld ist die Welt. Ein offensichtlicher Reiz von Lepages Produktionen ist die Mehrsprachigkeit. Sein neues Stück nennt der Theaterleiter, Regisseur und Schauspieler lakonisch 887. Drei Ziffern: 887:Gemeint ist die Nummer des Hauses, in dem er aufwuchs.

Auf der Bühne allein

Das Saallicht ist noch an, da tritt Lepage auf die Bühne: Er erklärt, was er plant, wie er zu seinem Thema gefunden hat. Langsam verlischt das Licht im Zuschauerraum, die Scheinwerfer übernehmen die Regie.

Seine Geschichte hat Lepage kunstvoll konstruiert. Die Rahmenhandlung berichtet von einem Auftrag - Lepage soll bei einer Feier ein Gedicht aufsagen. Da er der einzige Schauspieler auf dem Podium sein wird, soll er es auswendig lernen. Lepage sagt zu - und bekommt immense Probleme. Er kann sich den Text nicht merken. Schließlich ruft er einen alten Freund an, mit dem er Schauspiel studiert hat, und bittet ihn um Hilfe.

Französisch in Kanada - ein Politikum

Dass beim Telefonat Lepage französisch spricht, bekommt zentrale Bedeutung. Als der Freund eintrifft - die Zuschauer müssen ihn sich vorstellen, 877 ist ein Monodram, nur Lepage tritt auf - als der Freund helfen soll, schweift Lepage immer wieder ab, er kann sich einfach nicht konzentrieren.

Erinnerungen an seine Kindheit drängen sich mächtig in den Vordergrund. Lepage ist Frankokanadier, und jetzt erst, als Erwachsener, kommt ihm zu Bewusstsein, wie die Frankokanadier im eigenen Land zu Bürgern zweiter Klasse degradiert und von der englischsprechenden Mehrheit verachtet, ja unterdrückt wurden.

Die Spannung zwischen Rahmengeschichte und Kernhandlung löst sich auf, als Lepage auf einmal das Gedicht beherrscht: Es ist eine feurige Anklage gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, ein Höhepunkt der Aufführung. Zunächst schien es so, als ständen die einzelnen Episoden, Reflexe von Gedanken- und Erinnerungssplittern, unverbunden nebeneinander. Zum Schluss ergeben sie, wie Teile eine Puzzles, ein ganzes Bild: Eine Kindheit in einer unterprivilegierten Familie, die, bewusst geworden, im lyrischen, sprachmächtigen Protest mündet.

Groß & Klein

Ebenso makellos wie die Geschichte ist Lepages Bühnenbild geworden - wie immer bei Ex Machina ein großer Zauber-Kasten, der im Lauf des Spiels auseinandergefaltet wird und die unterschiedlichsten Szenen zeigt. Anfangs gibt es das Haus 877 in Miniatur, vier Stock hoch, zwei Wohnungen breit. In jedem Wohnzimmerfenster klebt ein Bildschirm und Videos zeigen das Innenleben. Die acht Mietparteien - eine davon der kleine Robert mit seinen Eltern Lepage - bilden den Durchschnitt der Bevölkerung. Was der kleine Junge noch nicht durchschaut, erkennt der Erwachsene. Das Puppenhaus ist ästhetisch reizvoll und gelichzeitig Anschauung kanadischer Soziologie der sechziger Jahre.

Der Kasten steht auf einer Drehbühne, neunzig Grad gedreht zeigt er das Innenleben von Lepages Wohnung als arrivierter Künstler - in Menschengröße - der spielerische Sprung zwischen Groß und Klein, Außen und Innen erzeugt eine blendende Laune, das Publikum geht mit.

Neben der Lektion über kanadische Geschichte und der Anklage gegen andauernde Ungerechtigkeit gewinnt ein zweiter Themenschwerpunkt Bedeutung: Wie kommen Assoziationen zustande? Wie arbeitet unser Unterbewusstsein? Das Spiel zeigt die Beweglichkeit unseres Bewusstseinsstroms. Und dass sich das Wichtige Bahn bricht.

Um den Abend zu vollenden, bedarf es eines großartigen, wandlungsfähigen Schauspielers - da ist Robert Lepage nicht zu übertreffen. Dazu mehr als nur eine Prise Humor, das Auf-die-Bühne-fahren und wieder verschwinden von Bühnenbildteilen wie von Geisterhand - der Abend ist über alle Erwartung geglückt: unterhaltsam und tiefgründig. Viele Elemente hat Lepage in anderen Produktionen schon genutzt. Aber das macht nichts. Umso besser - Lepage ist jetzt in der Phase reifer Meisterschaft.

Das Edinburgh International Festival hat im Programm ein weiteres Kleinod.

Ulrich Fischer

Internet: www.eif.co.uk

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