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Elitismus macht blind und lahm

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Gegen den Wagner-Wahn

GRÜNER HÜGEL. Widersprüche sind das reizvollste an Andrian Kreyes Kommentar. Die Süddeutsche Zeitung platzierte die Thesen eines ihrer Feuilletonchefs zur Wagnerpflege in der nordbayerischen Provinz am Wochenende im Meinungsteil ganz oben - nicht im Feuilleton, sondern im politischen Buch, also als Leitartikel. Wer las, durfte eine Grundsatzerklärung des Blattes erwarten.

Bayreuth sei, behauptet Kreye, "ein jährliches Weltereignis." Zuvor hatte der Journalist genau das Gegenteil bewiesen. Er hatte die ganzen Kleinlich- & Peinlichkeiten aufgezählt, die in diesem Jahr und in vorausgegangenen das Publikum im Vorfeld der Wagner-Weihespiele amüsiert haben. Die Schlussfolgerung hätte lauten müssen: Bayreuth ist Provinz! Aber nein.

Kreyes Widersprüche erweisen sich nicht als dialektisch, kein Motor, keine Dynamik, nirgends. Sie sind kontradiktorisch: Mauer. Beton, Lähmung, Stillstand. Der ratlose Feuilletonist sucht Hilfe beim "man". Wer ist gemeint? Unterstützung, Leitung vom Freistaat, von der Bundesrepublik, vom Außenminister, der ausdrücklich genannt wird? Ruft tatsächlich der Feuilletonchef einer Zeitung, die um Liberalität ringt, für die Kunst die Politik um Hilfe? Das wäre ein Spitzenwiderspruch! - Kreye selbst mündet am Schluss in die Frage: "Wer ist eigentlich 'man'"?

Selten hat ein Elitist den Elitismus so komisch entblößt wie hier. Der Kaiser ist nackt.

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Wenn die Gefahr am größten ist/naht sich das Rettende auch ...

Die Hilfe ist längst da. Sie kommt vom Grünen Hügel für den Grünen Hügel.

Gegen den Hügel von Bayreuth gründeten programmatisch Bergleute, Gewerkschafter, Betriebsräte, Künstler und linke Politiker den Grünen Hügel in Recklinghausen. Das war vor 70 Jahren. Ein brillanter Vortrag des Stadtarchivars von Recklinghausen erinnerte zum Jubiläum, dass die Aktiven nach dem Krieg, nach dem Bankrott unserer Eliten, den Gegensatz der Grünen Hügel sahen - Kultur als Klassenkampf.

Tatsächlich hat sich in den letzten 70 Ausgaben der Ruhrfestspiele die Überlegenheit des Recklinghäuser Konzepts erwiesen:

Vielfalt statt Einfalt

Nicht ein Künstler (Wagner) steht im Mittelpunkt, sondern viele. Schon die Alten glaubten: Variatio delectat. (Vielfalt erfreut.)

Wagner im Mittelpunkt erweist sich als Ideologem eines monarchischen Prinzips: Einer ganz oben, dem alle dienen: Dirigenten und Regisseure, Bühnenbildner und Sängerinnen - das Publikum darf Schlange stehen. Devotion erbeten. (Ich will hier nichts über das dynastische Prinzip schreiben [Leiter der Festspiele soll/muss ein Mitglied der Familie sein], sonst platze ich.)

Vielfalt bei den Kreativen wie in Recklinghausen hingegen ist ein demokratisches System. Wettbewerb - wer ist der Beste? Das steht nicht von vornherein fest: Der Künstlergott, sondern die Debatte wird eröffnet, wer hat die überzeugendsten Argumente?

Doitschland, Doitschland über alles: WagnerGötterdämmerungRingParsifal. Recklinghausen dagegen: Deutschland, Deutschland unter anderen: Da kann sogar eine österreichische Nobelpreisträgerin dabei sein - man denke: eine Frau! Oder ein Evangelist darf durch den Kakao gezogen werden. Statt Gläubigkeit Skepsis. Statt Beifall Kritik.

Wer ernsthaft nach einer Alternative zu einem verrotteten, verlachten Festival sucht, kann sie in einem quicklebendigen finden. Freilich müsste man das geheime Gravitationszentrum aufgeben: Kunst ist nur was für uns wenige. Nur wir, die Elite, wissen, was Kunst ist. Kunst ist ein Distinktionsmittel. Wir sind was Besseres. Gewiss: "All animals are equal. But some are more equal!"

Wer Ohren hat zu hören, könnte erfahren, dass unbotmäßige Steuerzahler, die nach dem Verbleib ihres Geldes fragen, (was sie, beiläufig, gar nichts angeht), der könnte erfahren, sage ich, dass diese Steuerzahler das Wort "Elite" mit Mercedes und VW in Verbindung bringen, mit Deutscher Bank und Betrug. Selbstbereicherung. Und könnte dann fragen, ob es nicht besser ist, wie in Goldonis "Diener zweier Herrn", die in diesem Jahr die Ruhrfestspiele Recklinghausen eröffneten, die Unersättlichkeit der "Herren" auf der Bühne zu diskutieren, als den Subtilitäten eines Dreiklanges nach zu lauschen.

Alternativen

Andrian Kreye könnte, wenn er denn wirklich nach einer Alternative zum Wagnerwahn suchte, als Feuilletonleiter der Süddeutschen mehr über Recklinghausen berichten lassen als über Bayreuth. Über Kultur für alle statt über "Kultur""Elite".

Das wird er nicht tun. Elitismus ist lahm. Und blind. Schon im "Endspiel" ist das Augenlicht des Herrn erloschen, er sitzt gelähmt in seinem Sessel; sein Diener hingegen kann sich bewegen und sehen.

Aber das ist nicht von Richard Wagner.
Ulrich Fischer