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Dostojewski-Musical

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Beim Festival d'Avignon ist den Theaterleuten überhaupt nichts mehr heilig

AVIGNON. Wer glaubt, man könne Dostojewski nur auf die Bühne bringen, indem man ihn, wie Frank Castorf, dekonstruiert, ist schief gewickelt. Das erfährt der Zuschauer, der sich "Karamazov" - „Die Brüder Karamasow" - in der Bühnenfassung von Jean Bellorini und Camille de La Guillonnière beim Festival d'Avignon anschaut. Fjodor singt - der Laie staunt und der Fachmann wundert sich.

Die Musen müssen an Jean-Christoph Follys Wiege gestanden und ihn gesegnet haben. Er sieht aus wie ein junger Gott, zur makellosen Gestalt passt ein CharakterKopf, was schreibe ich: Haupt!, das wie Zeus zürnen kann. Sein Bariton trägt weit und seine Energie reißt mit. Diese dramatische Dynamik prägt überhaupt das ganze Ensemble.

Schauspieler und ihre Rollen

Folly spielt Dimitri, den Offizier, der das Geld zum Fenster rausschmeißt, fast wie unsere Politiker. Follys Dimitri zeichnet ein nicht zu erschütterndes Selbstbewusstsein aus; er verteidigt sich gegen die Mordvorwürfe ohne die geringsten Zeichen von Angst oder Einschüchterung. Trotz seiner monströsen Ausschweifungen: Er ist ein großartiger Mensch! Er hat etwas Aristokratisches. Mehr: Edelmut. Ihn zeichnet vor allem eines aus: Kühnheit. Kühnheit! Und noch mehr Kühnheit!! („Il faut de l'audace...")

Sein Bruder Ivan scheint zunächst bei Geoffroy Rondeau nicht so gut aufgehoben. Dieser Eindruck trügt und wird zurechtgerückt, wenn der fast unscheinbare Schauspieler die Parabel vom Großinquisitor vorträgt. Er entbindet hier wieder diese mitreißende dramatische Energie, die die Aufführung, die nicht unbedingt an des Gedankens Blässe kränkelt, auszeichnet, prägt & trägt, zu einem Kleinod macht. Rondeau wird mit (in Avignon seltenem) Szenenapplaus geehrt. Hochverdient!

Großartig auch Vater Fjodor: Jacques Hadjaje spielt ihn als Großmaul zum Quadrat. Und dabei impotent. (Ich wette!). Einmal gibt es einen Song über den Vatermord - er klingt voll verführerischer Hoffnung.

Die Gruschenka scheint mir falsch aufgefasst: Clara Mayer zeigt ein nettes proletarisches Mädchen, das für ihre Freunde gern mal die Beine breit macht. Bei Dostojewski wirkt die Gruschenka raffinierter. Sie nutzt ihre überragende sexuelle Anziehungskraft, um Knete und sich selbst unabhängig zu machen.

Sterne überm Steinbruch

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Foto: Christophe Raymond de Lage/Festival d'Avignon

Gespielt wird in einer der schönsten Spielstätten des Festival d'Avignon, im Steinbruch („Carrière") von Boulbon. Der Carrière ist zur Legende geworden, nachdem hier Peter Brook und seine Company „Mahabharata", ein indisches Epos, die ganze Nacht hindurch gespielt haben. Die „Brüder Karamasow" dauern fünf Stunden, von der einbrechenden Dämmerung um halb zehn bis zur tiefen (samtigen) Nacht um drei Uhr früh. Es ist bestrickend, unter freiem Himmel zu sitzen. Über den hohen Steilhängen der abgebauten Steine blinken Sterne, das Firmament der Provence, das seinesgleichen nicht hat. Der Platz vermittelt das Gefühl, es sei ein hohes Privileg, hier (davei)sein zu dürfen. Und wenn dann noch ein tolles Stück gespielt wird ...

Und die Inszenierung hat ihr Besonderes. Sie besticht durch ihre Naivität. Durch ihre Freude am Erzählen und Erzählten. Dostojewski wird hier geschätzt als Geschichtenerfinder. Ist Fabulierkunst nicht herrlich? Man kann eine gute Geschichte erzählen und noch eine und noch eine. Oder frau. Scheherazades Geist umweht wie ein Hauch der allerallerbesten Weltliteratur den Carrière de Boulbon.

Dostojewski für alle

Mehr ist nicht. Oder doch? Wird hier nicht die Schwelle beseitigt, die einfachen Leuten Angst vor Klassikern macht/machen soll?

Ein bisschen ist es so, als läse man Dostojewksi wie einen Comic. Oder, wir sind schließlich in Frankreich: Wie eine Bande dessinée.
Ulrich Fischer

Das Festival d'Avignon dauert noch bis zum 24. Juli.
Internet: www.festival-avignon.com