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Dormite - schlaft!

09/11/2015 10:33 CET | Aktualisiert 09/11/2016 11:12 CET

"Söhne & Söhne" - Eine Performance-Installation von SIGNA

HAMBURG. Das Deutsche Schauspielhaus ist für seine neueste Produktion „Söhne & Söhne" umgezogen, in die ehemalige Gewerbeschule für Bauhandwerker. Eine gute Entscheidung, denn „Söhne & Söhne" ist keine konventionelle Aufführung mit Bühne und Zuschauerraum, sondern eine „Performance-Installation".

Wir, die Zuschauer, müssen erst einmal warten, ehe die Pforte zur Firma öffnet. Unsere Rolle: wir sollen uns um eine Stelle bewerben und haben die erste Hürde geschafft. Jetzt sind wir eingeladen und müssen einen Parcours durchlaufen, in dem wir auf Herz und Nieren geprüft werden, für welche Abteilung wir am besten geeignet sind.

Wir bekommen einen Laufzettel und müssen uns vorstellen.

Das Konzept von SIGNA (Signa & Arthur Köstler) in Zusammenarbeit mit Sybille Meier und Mona el Gammal lehnt sich an Einstellungsgespräche an, übertreibt aber und lässt sich auch von religiösen (vor allem katholischen) Initiationsriten leiten.

Die traditionsreiche Firma Söhne & Söhne wirkt ziemlich heruntergekommen. Sie setzt ganz offenbar auf besondere Loyalität, um eine willfährige Belegschaft heranziehen, die bereit ist, sich ausbeuten und mit ein bisschen Blech und fragwürdiger Ideologie abspeisen zu lassen.

Die Schauspieler - ein riesiges Ensemble, über 40 Köpfe - müssen nicht nur ihren Text lernen, sie müssen ihre Figur kennen und beherrschen.

Denn sie treten ja ihrem Publikum nicht auf der Bühne entgegen und sind durch die Rampe und die Entfernung zum Zuschauerraum geschützt - sie treten ihren Zuschauern direkt gegenüber - und die können sich wehren, sie provozieren, ausprobieren, ob sie auch im Konflikt in der Lage sind, in ihrer Rolle zu bleiben.

Anne Hartung bewährte sich bei einem solchen Test glänzend. Sie spielte Ronda Sohn (das ist ihr nom de guerre, alle Mitarbeiter nehmen den Nachnamen „Sohn" an, um ihre Loyalität zum Unternehmen unter Beweis zu stellen).

Ronda leitet das „Büro für interne Gesetze (BIG)". Sie muss allen Angst einjagen, damit sie spuren, gehorchen, sich widerspruchslos einfügen und unterwerfen. Ronda ist die erste Frau auf diesem Platz - sie ist klein und zierlich - und von der Aufgabe heillos überfordert. Aber sie arbeitet hart und weist Angriffe eines frechen neuen Mitarbeiters tapfer zurück.

Anne Hartung porträtiert eine Frau, die bereit ist, ihre Seele zu verkaufen für ihre Karriere - und sie ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Sie erweist sich als willige Vollstreckerin eines repressiven Systems.

Gerade solche spannungsvollen Augenblicke bilden Höhepunkte. Aber das ganze Firmenporträt ist brillant. Wer auf den Fluren von einem Büro zum andern geht, hört, wie der Hausmeister schikaniert wird - er ist nicht der einzige der säuft - und der Flurfunk meldet, dass, seitdem ein neuer Chef da ist, sich einige das Leben genommen haben.

Die Hierarchie ist heillos, die Chefs unfähig - die Angst vorm Scheitern zermürbt sie. Und die Untergebenen zittern noch mehr. Angst essen Seele auf.

Mit einem Wort: das Arbeitsklima ist schauerlich. Ob es so war bei VW? Der Chef macht Druck und keiner wagt zu widersprechen? Alles unter dem längst löchrig gewordenen Dach der angeblich heilen Firmenfamilie?

Erwachet!

Am Ende steht ein weiterer Höhepunkt: Die neuen Mitglieder werden in die Firma aufgenommen wie Priester in die Kader der katholischen Kirche. Die Zuschauer müssen sich auf den Boden legen und werden geweiht, bekommen neue Namen.

Ein Verblendungszusammenhang wird erzeugt, Menschen erheben sich über Mitmenschen - es ist grauenhaft, komisch, entlarvend und stark. Die alten Priester, die die jungen in die Gemeinschaft der „Söhne" aufnehmen, singen im Bass immer wieder „Dormite!" - Schlaft!

Das Stück ist stark, die Aufführung (Regie: Signa Köstler) provoziert, aber das Beste sind die Schauspieler, die ihre Rolle überzeugend verkörpern und so dem Wahnsinn der Hierarchie - sie es in der Religion, sei es in der Ökonomie - eine angemessen kritische Theaterhülle schneidern: das Narrenkleid des Absurden.

Ulrich Fischer

Aufführungen 16. - 22. 11; 30. 11. - 6. 12; 14. - 20. 12. - Spieldauer: 6 Std.

Kartentel.: 04024 87 13 - Internet: www.schauspielhaus.de

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