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Die Verwandlung

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David Hares neues Stück "The Red Barn" in London uraufgeführt

LONDON. David Hare, 1947 in Sussex geboren, ist ein alter Meister. Schon früh hat ihn die gute alte Tante Times zu "Britain's leading contemporary playwright" ernannt, zu "Britanniens führendem zeitgenössischen Dramatiker". Hare hat europäisches Format - mindestens. Königin Elisabeth hat den Stückeschreiber wegen seiner Verdienste um das Theater zum Ritter geschlagen, Sir Davids Schauspiele werden an ersten Bühnen nicht nur der angelsächsischen Welt gespielt. Hare hat Drehbücher geschrieben. Bei uns in Deutschland dürfte sein bekanntestes die Grundlage für die Verfilmung von Bernhard Schlinks "Vorleser" sein.

Hausbühne dieses Spitzendramatikers ist das Royal National Theatre, das Flaggschiff britischer Bühnen. Das Königliche Nationaltheater am Südufer der Themse präsentiert auch am Dienstag die Uraufführung des neuestes Stücks von Sir David, Titel: "The Red Barn" - "Die rote Scheune".

Mittelstand in der Nähe von New York

Der regelmäßig gebaute Dreiakter erzählt die Geschichte einer tiefgreifenden Wandlung. Im Mittelpunkt steht Donald Dodd, Mitte vierzig. Er lebt und arbeitet in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts als Rechtsanwalt in einer kleinen Stadt bei New York. Im Winter besucht er mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar eine ausschweifende Party. Als das Quartett nach Hause aufbricht, tobt ein Schneesturm. Donald schafft es, obwohl er mehr als zuträglich getrunken hat, noch mit dem Wagen bis drei-, vierhundert Meter vor seinem Haus. Die Damen finden mit Mühe den Weg zur Tür und in Sicherheit, Donald aber verliert den Kontakt zu seinem Freund Ray.

Er muss, nachdem er kurz im Haus Atem geschöpft hat, noch einmal hinaus.Aber statt nach seinem Freund zu suchen, schlüpft er in der benachbarten roten Scheune unter, die dem Stück den Titel gibt. Während er eine Zigarette nach der anderen raucht, wird ihm klar, dass Ray gar nicht sein Freund ist, sondern ein Konkurrent. Auslöser des Sinneswandels ist eine hocherotische Szene. Als Donald bei der Party ins Bad gehen wollte, erwischte er Ray mit der Dame des Hauses in flagranti. Das erscheint Donald als das wirkliche Leben (wer denkt da nicht an Donald T., einen Abenteurer aus Amerika, der nach dem höchsten Amt strebt?), seine eigene Existenz als mattes Spießerdasein. Donald beneidet Ray, beneidet ihn um seinen Erfolg bei Frauen, sein Geld, um sein ganzes Leben. Er entdeckt in der roten Scheune. dass er Ray hasst - Donald freut, dass der ehemalige Freund jetzt vermutlich im Blizzard um sein Leben kämpft, erfriert.

Neid & Hass

Der Neid auf Rays Durchsetzungskraft und seine Rücksichtslosigkeit verwandelt Donald in einen Egomanen, er beginnt eine Affäre mit der Witwe seines erfrorenen Freundes. Misstrauisch seiner eigenen Veränderung gegenüber, wähnt er, alle würden ihn beobachten: seine Frau, seine Freunde, sein Kollege, sein Arzt - und auch die Polizei. Er fühlt sich wegen der unterlassenen Hilfe als Mörder, meint, alle seien ihm auf der Spur. Seine Obsession steigert sich zum Wahn - schließlich erschießt er seine Frau, der gegenüber er sich besonders schuldig fühlt.

David Hares neues Stück fußt auf einem Roman von Georges Simenon, er stellt seine Bühnenadaption in die Tradition von Harold Pinter: unter der Oberfläche des Normalen brodelt gefährlich das Absurde. - Die Adaption ist geglückt, Hare bewahrt Spannung und Tiefe des Romans und schärft sogar noch die Konturen der Gestalten.

Dramatiker und Regisseur Hand in Hand

Robert Icke stellt seine Uraufführungsinszenierung - wie in der anglophonen Welt üblich - ganz in den Dienst des Dramatikers und des Stücks. Zum Mittelpunkt wird eine Auseinandersetzung zwischen Sohn und Vater. Donald vertritt den Standpunkt des selbstsüchtigen Hedonisten, sein Vater plädiert für Redlichkeit und soziale Verantwortung.

Der Dialog ist bis zum Funkeln geschliffen, die Pointen sitzen, das Publikum geht mit. Die Ansichten des Vaters überzeugen - offenbar hat David Hare ihm seine eigenen Argumente in den Mund gelegt. Sir David hat mit seinen Stücken immer wieder den Neoliberalismus attackiert - mit „Der Roten Scheune" bleibt er sich treu.

Das Ensemble spielt brillant, vor allem die Damen können glänzen, David Hare gelingen häufig die Frauenrollen am besten. Die Uraufführung ist aus einem Guss - besser hätte „The Red Barn" kaum gelingen können.