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"Die Franzosen" nach Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit"

22/08/2015 20:08 CEST | Aktualisiert 22/08/2016 11:12 CEST
dpa

Daneben

GLADBECK. „Die Franzosen" sind ein Musterbeispiel für verfehltes Theater. Krzysztof Warlikowski vom Neuen Theater Warschau und Piotr Gruszczyński ließen sich zu ihrem Stück von Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit" („A la recherche du temps perdu") anregen.

Sie zeigten ihre Uraufführung am Freitag im Rahmen der Ruhrtriennale in Gladbeck in der Maschinenhalle Zweckel - es wurde auf Polnisch gespielt.

Das machte es notwendig, die deutsche (und für ausländische, des Polnischen und Deutschen nicht mächtige Gäste englische) Übersetzung auf Tafeln über der Bühne einzuspielen. Unglücklicherweise setzten die Bearbeiter den ersten Teil ganz aufs Wort.

Während der Zuschauer auf die Tafel starrt, um die Übersetzung zu entziffern, konnte er nicht schauen, wer jetzt gerade sprach - so dass die Einführung der Figuren misslang. Wer war wer, wer sagte was? Durcheinander statt Klarheit regierte die erste Stunde.

Kommunikation klappt nicht

Wer den Roman nicht kennt, ist verratzt. Im zweiten Teil wird es etwas übersichtlicher, weil weniger Figuren auftreten und seltener gesprochen wird.

Swann wird erkennbar, der Protagonist, ein Erzähler, der schreckliche Baron von Charlus und Albertine - die weiteren Figuren sind schwer zuzuordnen. Und worauf will Warlikowski, der Regie führt, hinaus? Ein Thema war anfangs der Antisemitismus, der rückt später in den Hintergrund, offenbar geht es um Liebe und Eifersucht.

Das ist ein bisschen dünn angesichts von Prousts komplexem gesellschafts- und erkenntniskritischen Jahrhundertroman. Über Erinnerung (Auf der Suche! nach der verlorenen Zeit) wird wenig geklärt im Spiel und der Abstieg des Adels, die Dekadenz der Aristokratie werden bestenfalls angedeutet.

Am Ende erweitert das Autorenduo den Text, die „Todesfuge" von Paul Celan wird, vom Autor gelesen, eingespielt, und eine Figur, die an einen Astronauten mit Helm erinnert, setzt sich an einen Tisch, beginnt ihre Mahlzeit und eine Publikumsbeschimpfung, die voll daneben geht.

Der Astronaut beschimpft die Elite - die aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht im Theater sitzt. Die Schimpfkanonade ist an den Haaren herbeigezogen, wild zusammengefügt, ohne Ziel und Vernunft.

Schlimmer: ohne Witz! Das kann Thomas Bernhard besser. - Nach fast fünfstündiger Spielzeit ist endlich Schluss, viel zu lang, ohne Gefühl für Tempo, über lange Strecken langweilig. Dafür aber bis zur Komik eitel, prätentiös und möchtegernelitär.

Im Programmheft stehen die Namen von Marcel Proust und den polnischen Bearbeitern in gleich großen Lettern - welch eine Verkennung, welche Anmaßung!

Eine Alternative

Dabei gibt es eine bewährte Bühnenfassung der „Recherche".

"Ich hatte einen Blick auf den ersten Band geworfen, dann auf einen anderen und bin daran verzweifelt, je den großen Bogen und die Schönheit des Ganzen zu verstehen", notierte Di Trevis, eine zeitgenössische britische Schauspielerin und Regisseurin über Marcel Prousts Jahrhundertroman So wird es wohl vielen angesichts des riesigen, bei uns in Deutschland dreibändigen Werks gegangen sein.

Dann bekam Di Trevis durch einen Zufall eine (nie realisierte) Film-Fassung von Nobelpreisträger Harold Pinter zu lesen - und ihr erschloss sich das Riesenwerk.

Das war der Beginn einer Bühnenadaption, die 2000 vom National Theatre, dem Flaggschiff britischer Bühnen, in London uraufgeführt wurde. Diese Fassung ist bislang wegen ihrer Übersichtlichkeit unübertroffen.

Sie ist bei weitem der polnischen Unglückadaption überlegen: sie stellt sich bescheiden in den Dienst des Romans, seines Autors und vor allem der Zuschauer. Jeder kann die Aufführung verstehen, auch, wenn er Prousts Roman nicht gelesen hat. Und am besten: Wer Prousts „Recherche" nicht kennt, bekommt Lust, das Meisterwerk zu lesen.

Ulrich Fischer

Auff. in Gladbeck, Maschinenhalle Zeche Zweckel, am 23., 28., 29. und 30. Aug.

Internet: www.ruhrtriennale.de

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