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Des Rätsels Lösung

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Haruki Murakamis neues Buch

Haruki Murakami spürt in seinen Romanen der inneren Realität des menschlichen Bewusstseins nach. Dabei gelangt er überraschend weit und atemberaubend tief. Er notiert kurze und übersichtliche Sätze und beschreibt Gefühle, Krankheiten, Psychosen, Pathologien, Ängste & Träume, die so komplex sind, dass niemand zuvor sie so deutlich in Sprache zu bannen vermocht hat. Ein Paradox. Wer die Romane des Japaners liest, wird mit Erkenntniszuwachs und Bewusstseinserweiterung belohnt.

Wie ist das möglich? Murakami hat sich selbst auf den Weg gemacht, diese Frage zu beantworten: In seinem neuen Buch, einer Sammlung von Essays, gelingt ihm unter dem Titel: "Von Beruf Schriftsteller" ein Selbstporträt.

Oft scheint Murakami-san den Fragen, die er (sich) stellt, auszuweichen, mitunter wirkt er, nicht zuletzt wegen seiner geradezu nervtötenden japanischen Höflichkeit und Zurückhaltung blass - aber das ist alles nur die Taktik des erfahrenen Schriftstellers (er ist Jg. 49).; denn auf einmal packt er zu, bekennt, und erreicht für sein Bekenntnis nach der langen Wüste der Höflichkeit eine wegen des Kontrastes umso stärkere Wirkung: "Wir müssen dem Einzelnen ein freies Denken ermöglichen, das ihm den Halt gibt, der gefährlichen und kurzsichtigen Wertschätzung von sogenannter 'Effektivität' zu widerstehen. Und diesen Halt müssen wir auf die ganze Gemeinschaft ausweiten". Zuvor hat Murakami seine Gegner, die Vertreter der Effektivität (im Zusammenhang mit der Atomkatastrophe in Fukushima) benannt: Bürokratie und Industrie.

Murakamis Aufsätze wenden sich nicht nur an junge Leute, die erwägen. Schriftsteller zu werden, sondern an alle, die an seinem Werk und an Poesie überhaupt interessiert sind. Das schönste ist, dass der kluge Poet seine Erkenntnisse nicht ausspricht, sondern (meistens) unter der Oberfläche, zwischen den Zeilen verbirgt. Murakami regt Phantasie und Scharfsinn seiner Leser an, die aus eigener Kraft dann zu wesentlichen Erkenntnissen durchdringen müssenkönnensollten. Dabei nutzt Murakami den Humor als Waffe.

Ich suche immer nach Antwort auf die Frage, wo die Quelle der Kreativität zu verorten sein könnte. Wenn ich Murakami recht verstehe, meint er: In uns drin. Ganz, gaaanz tief.

Ulrich Fischer

Haruki Murakami: Von Beruf Schriftsteller. Übersetzung: Ursula Gräfe. DuMont 2016., 166 S., 23,00 €.