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"Der Sympathisant"

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Ist der Vietnamkrieg nicht vorüber?
Der Roman eines Kenners

Dieses Lektüre ist beunruhigend. Gerade für das Ende braucht der/die LeserIn starke Nerven.

"Der Sympathisant" hat die Form eines Geständnisses. Der Name des Autors - Viet Than Nguyen - deutet schon auf den Stoff: Es geht um den Vietnamkrieg. Der Icherzähler berichtet, dass er Vietcong ist, ein Kommunist, der auf Seiten des Nordens gegen die Amerikaner und den antikommunistischen Süden kämpft. Allerdings nicht mit dem Gewehr, sondern undercover. Er arbeitet scheinbar auf Seiten des Südens und gibt wichtige Informationen an seine Leute aus dem Norden weiter. Daher der Titel: "Der Sympathisant".

Er verlässt mit den Amerikanern im letzten Augenblick Saigon - eine der gelungensten Episoden - gelangt glücklich nach Kalifornien und richtet sich dort in der vietnamesischen Gemeinde ein. Er arbeitet für einen Oberst, der neue Leute zur Rückeroberung Vietnams rekrutieret - und gibt den Stand der Ewig Gestrigen der neuen, kommunistischen Regierung in Vietnam weiter. Schließlich muss er auf Geheiß seiner amerikanisch-vietnamesischen Herrn zurück nach Vietnam und gerät bei einem Himmelfahrtskommando in Gefangenschaft der Kommunisten.

Dort landet er in einem Lager. Teil seiner Umerziehung ist die Niederschrift seiner Tätigkeit (also das Buch, das wir lesen). Da nun klar sein müsste, dass er - als Kommunist in einem kommunistischen Umerziehungslager - nicht "umerzogen" werden muss, ist es paradox, verrückt, dass er dennoch weiter "umerzogen" wird: Als Kommunist von Kommunisten zum Kommunisten. Die Gehirnwäsche beschreibt Viet Than Nguyen in extenso - schwer zu ertragen und in ihren überraschenden, haarnadelkurvigen Wendungen wenig plausibel. Hier macht sich der Autor des Verrats am Leser schuldig, er will offenbar mit seinen Formulierungen glänzen - das Buch ist nicht frei von Autoreneitelkeit.

Der Icherzähler, der "Sympathisant", steht die unmenschlichen Torturen durch und wird auf neue Mission geschickt. Wenn er das Lager in Richtung Hafen und USA verlässt, endet der Roman.
Trotz der Autoreneitelkeiten ist das Buch lesenswert - wegen des Themas, wegen der Informationen und wegen der Perspektive. Die Sicht kommunistischer Patrioten wirkt wohl begründet. Eine erkenntnisstiftende Provokation.
Ulrich Fischer

Viet Thanh Nguyen, "Der Sympathisant"
Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller
Blessing Verlag, München 2017, 528 Seiten, 24,99 Euro

Kasten.
Viet Thanh Nguyen (*1971) wuchs in Vietnam auf und floh 1975 mit seinen Eltern in die USA. Er gehört zu den Boat-People. In Kalifornien studierte er Englisch und arbeitet jetzt als Hochschullehrer an der University of Southern California - und als Schriftsteller. Für The Sympathizer erhielt er 2016 den Pulitzer-Preis.