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Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an

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Oliver Bukowskis "Letzte Menschen" in Recklinghausen uraufgeführt

RECKLINGHAUSEN. Oliver Bukowski ist ein kapitalismuskritischer Autor. Sein Stück "Letzte Menschen", am Freitag im Rahmen der Ruhrfestspiele in Recklinghausen uraufgeführt, untersucht die revolutionäre Theorie und Praxis in der Bundesrepublik unserer Tage.

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Oliver Bukowski - der Autor

Im ersten Bild wird Sascha, ein Neuer, angelernt. Eine Aktivistengruppe plant eine Blockade. Wenn sich die Mitglieder festketten, leisten sie so lange wie möglich Widerstand gegen ihre Befreiung. Sascha soll sich eine Windel anziehen - es braucht Zeit und Überzeugungskraft, bis er das einsieht.

Rudi Dutschke?

Tom, der Älteste, Kopf der Gruppe und anerkannter Theoretiker, genießt Achtung weit über die Landesgrenzen hinaus. Beinahe wäre er einem Anschlag erlegen, eine Kugel hat ihn nur knapp verfehlt. Oliver Bukowski hat die Figur wohl an Rudi Dutschke angelehnt. Nach dem Schuss auf seinen Kopf musste Tom mühsam wieder sprechen, lesen und schreiben von Grund auf lernen. Er besucht seinen Attentäter im Gefängnis - will herausfinden, was dessen Motiv war. Die Gespräche zwischen den beiden Männern, Opfer und Täter, kreisen um den Sinn von Revolutionen - sie sind ein Schwerpunkt des zwei Stunden kurzen Stücks.

Ein Preis

Das zweite Gravitationszentrum handelt von der Erhaltung der Authentizität, der Glaubwürdigkeit der Revolutionäre. Eine internationale Organisation will Tom für seine Lebensleistung, seine Zivilcourage und Prinzipientreue auszeichnen. Tom lehnt ab. Er will sich nicht korrumpieren lassen. Der Preis ist mit 300 000 Dollar/Euro oder Yuan dotiert, egal - Toms Gefährten zweifeln die Weisheit seiner Entscheidung an. Man könnte mit dem Geld so viel Gutes tun, auch für die Bewegung.

Nach dem Tod

Karen, Toms Frau, revidiert seine Entscheidung, nachdem ihr Mann gestorben ist. Mit diesem Bild endet des Stück und entlässt den Zuschauer mit der Frage, ob Karens Entscheidung richtig ist. Wie weit darf sich ein Revolutionär anpassen? Hat das System gesiegt - nach Toms Tod?

Stückglück und Inszenierungselend

Handlung und Figuren sind meisterhaft konstruiert, der Dialog konzentriert, geschliffen, jedes Wort gewogen, einige neu geprägt. Bukowski ist berühmt für seine "punchline" (Pointendichte), er macht laufend Witze, geistreich, ja geistsprühend. Proletarischer Esprit, wenn es das gibt. Aber bei der Uraufführung in der Halle König 1/2 in Recklinghausen am Freitag wird kaum gelacht. Das Zimmer Theater Tübingen ist sichtlich (und hörbar) überfordert. Es sollte/müsste eigentlich Bukowskis Andeutungen, alles, was zwischen den Zeilen steht, spielen, und scheitert doch schon, wenn der Zuschauer auf eine saubere Artikulation hofft. Regisseur Axel Krauße fällt nur ausnahmsweise mal ein sinnfälliges Arrangement ein - Bühnenbildnerin Odilia Baldszun hat acht mit Silberpapiere beklebte Elemente entworfen, die an Barrikaden erinnern sollen, tatsächlich aber wie Studententheater wirken - an denen turnen die sechs Darsteller herum, wenn dem Regisseur nichts einfällt, was die Situation sinnfällig machen könnte. Und das ist (zu) häufig. Im letzten Drittel wird die Inszenierung etwas besser - aber sie bleibt weit hinter der Qualität von Bukowskis Stück zurück.

Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an.
Ulrich Fischer

Aufführungen am 27. und 28. Mai; Spielzeit knapp zwei Stunden. Die Aufführung ist eine Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Zimmer Theater Tübingen und wird dort übernommen. - Kartentelefon: 02361 92180.