Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform fĂĽr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Ulrich Fischer Headshot

Befremdlich bizarr

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ORESTIE
dpa
Drucken

Romeo Castellucci inszeniert Aischylos' „Orestie" in Recklinghausen

RECKLINGHAUSEN. Die Betonung des Befremdlichen hat Romeo Castellucci berühmt gemacht. Seine Socíetas Raffaello Sanzio pflegt eine originelle, radikale Spielart des Absurden. In Castelluccis Bearbeitung von Aischylos' „Orestie", die jetzt bei den Ruhrfestspielen zum ersten Mal in Deutschland gezeigt wurde, darf man sich nicht wundern, wenn unversehens der Chorführer die Geschichte von „Alice im Wunderland" erzählt und weiße Kaninchen die Bühne bevölkern. Warum? Weil die Welt absurd ist.

Tatsächlich gibt die „Orestie" Hinweise auf das Absurde des menschlichen Zusammenlebens zu Hauf. Der Vater, der seine Tochter opfert für guten Wind; die Gattin, die ihren Gemahl ermordet; der Sohn, der die Mutter ersticht...

Castellucci betont die Gewalt der uralten Trilogie, seine Szenen wirken beunruhigend bizarr, wie Alpträume. Einige Schauspieler sind behindert, andere versehrt. Klytemnestra ist unförmig fett wir ihr Gemahl, Agamemnon, der sich auf der Bühne kaum orientieren kann. Das Bühnenbild (auch Castellucci) ist eine wirre Mischung aus einem surrealistischen Bild und einer Folterkammer; die Lautsprecher bersten häufig vor verzerrtem Geräusch (Musik: Scott Gibbons). Einmal werden Pfosten wie mit Presslufthämmern in den Bühnenboden geschlagen, immer wieder vibriert der Boden im Zuschauerraum, vom ohrenbetäubenden Lärm in Schwingungen versetzt. Krieg!

Eines der bedrückendsten Bilder zeigt Kassandra. Die Seherin ist Gefangene Agamemnons. Nicoletta Magalotti ist splitterfasernackt, eingesperrt in ein Aquarium ohne Wasser, in dem sie sich kaum rühren kann. Ihre Stimme, elektronisch verstärkt, klagt, sie prophezeit Agamemnons und ihren Tod - aber niemand hört auf sie, niemand glaubt ihr - das ist der Fluch Apolls: Alles sagen zu können und nie Gehör zu finden.

Aber die Wirkung bleibt hinter der phantasievollen Anstrengung zurück. Wenn Castellucci die Schrecken des Kriegs beschwört, dann ist jede Tagesschau brutaler - weil realistischer. Castellucci, sonst so stark, wirkt in dieser Produktion relativ schwach, weil wir genug von den Schrecken des Krieges ahnen. Wir wollen nicht noch mehr über uns innewohnende Grausamkeit rätseln, wir dürsten vielmehr nach Auflösung der Rätsel, nach Vorschlägen, wie man den Krieg - z.B. den in Nahost - überwinden, beenden kann. Genug des Absurden, auf zur Analyse. Weniger Dunkelheit auf der Bühne - mehr Licht!

Ulrich Fischer

AuffĂĽhrungen am 20. und 21. Mai. Spieldauer: 2 Std. 40 Min.

Kartentelefon: 02361 9218 - 0 - Internet: www.ruhrfestspiele.de

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform fĂĽr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: