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Schänden, herabsetzen, benachteiligen

18/01/2016 18:05 CET | Aktualisiert 18/01/2017 11:12 CET
Don Bartletti via Getty Images

Ayad Akhtar debütiert als Dramatiker mit „Geächtet" in Deutschland

HAMBURG. „Disgraced" („Geächtet") spielt in New York im gehobenen Mittelstand. Emily ist Malerin. Im Spätsommer 2011, als das Stück einsetzt, porträtiert Emily gerade ihren Mann. Amir ist Anwalt - „40, südasiatischer Herkunft" -, und trägt für sein Brustbild alle Attribute gegenwärtigen Wohlstands & Erfolgs - aber nur oben. Unten - dort wo der Rahmen den Bildausschnitt begrenzen wird - begnügt er sich für sein Modellstehen mit Boxershorts. Das komische Bild erweist sich als bedeutungsvoller Hinweis.

Fabel und Figuren

Ein Neffe bittet Amir, einen islamischen Geistlichen zu vertreten, der sich vor Gericht verantworten muss. Amir ist erst nach heftigem Widerstand nur widerwillig dazu bereit, nicht zuletzt, weil ihm seine Frau zusetzt. Das wird dem Anwalt schaden; eine Meldung in einer Zeitung rückt ihn in die Nähe der Sympathisanten von islamistischer Gewalt.

Seine Anwaltsfirma, in der Juden den Ton angeben, registriert das - und schon wird eine Kollegin beim nächsten Revirement ihm vorgezogen. Spannungen zwischen Juden und Moslems liegen in der Luft, der Verdacht der Diskriminierung - der relativiert wird, weil statt Amir eine Kollegin befördert wird, die noch dazu schwarz ist.

Bedeutet das, dass die Diskriminierung von Frauen und Afroamerikanern inzwischen überwunden ist, oder nur, dass Muslime jetzt auf der untersten Stufe der Hackordnung um ihr Fortkommen kämpfen müssen?

Der Konflikt explodiert, als Amir Emily auf offener Bühne brutal zusammenschlägt. Eben hat er erfahren, dass er hinter seiner Kollegin zurückstehen muss, als ihm seine Frau gesteht, dass sie ihn betrogen hat - mit ihrem Kurator.

Sexuelle Dienste für Ausstellungsmöglichkeiten und verbesserte Karrierechancen? Schlägt Amir seine Frau zusammen, weil sie ihn betrogen hat, oder überschreitet er die Grenze zur Gewalt, weil der Kurator Jude ist? Spielt die Spannung zwischen Juden und Muslimen die entscheidende Rolle? Oder ist das Vorurteil, Muslime seien Frauenfeinde, doch mehr als nur ein Vorurteil? Oben angepasst, New Yorker der sich feiner dünkenden Sorte 2011, amerikanischeuropäischprotestantisch, ein WASP mit dunklem Teint, aber unten, außerhalb des Bilderahmens, gefährliche ungezügelte Wildheit - wie es das erste Bild nahelegt, in dem Emily ihren Mann porträtiert?

Ayad Akhtar, der Autor, wirft in seinem klug konstruierten Dreiakter viele Fragen auf und zeichnet ein Bild New Yorks, das sich für aufgeklärt und tolerant hält; tatsächlich aber verachtet jeder jeden, jeder diskriminiert die anderen. Misstrauen allüberall.

Wer sich für das Recht einsetzt wie Amir, für die Gleichheit aller vor dem Gesetz, muss Nachteile befürchten. Nicht nur Amirs Karriere bleibt auf der Strecke, auch seine Ehe. Die Katastrophe hat nur ein Gutes - Emily sieht am Ende schärfer, welche Spannungen die Wirklichkeit prägen. Unter einer scheinbar harmonischen Oberfläche des Wohlstands, der Bildung und des guten Geschmacks lauert der Abgrund.

Ur- und Erstaufführung

Die Uraufführung im Lyceum Theater am Broadway in New York wirkt authentischer als die deutschsprachige Erstaufführung am Samstag im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg - schon der Sprache wegen, und auch, weil Bühnenbild und Kostüme ganz nah an der New Yorker Realität sind. Aber auch die Hamburger Aufführung ist sehenswert: Klaus Schumacher präpariert in seiner Inszenierung die Verlogenheit des polierten Politische Korrekten heraus.

Das glänzend disponierte Ensemble spricht in der zuspitzenden deutschen Übersetzung von Barbara Christ aus, was bei gepflegter Konversation beschwiegen wird. Nur, wenn offen artikuliert wird, was heimlich viele denken, werden die Probleme erkennbar - und so vielleicht gelöst. Die Vorurteile, die jeder gegen jeden hegt, sind gefährlich, sie bergen die Saat der Gewalt. Man muss nur in diesen Tagen die Zeitung aufschlagen ...

Ayad Akhtar debütiert mit „Geächtet" als Dramatiker in Deutschland, sein Schauspiel wird demnächst von vielen Bühnen inszeniert. Gut so: Akhtars „Disgraced" ist das Stück der Stunde.

Ulrich Fischer

Aufführungen am 21., 23. und 27. Jan.; 25. und 26. Feb. - Spieldauer: 1 Std. 30 Min.

Kartentel.: 040 24 87 13 - Internet: www.schauspielhaus.de

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