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Autobiographisches Drama

29/02/2016 18:02 CET | Aktualisiert 01/03/2017 11:12 CET
Lonely Planet via Getty Images

Peter Handkes "Die Unschuldigen..." in Wien uraufgeführt

WIEN. Peter Handkes neues Stück war schon vor der Uraufführung im Buchhandel - das ist selten bei Dramatikern. Und wenn, dann steht ein ausführlicher Lebenslauf auf dem Buchumschlag.

Vor allem die Preise, mit denen die Verfasserin oder der Verfasser ausgezeichnet worden ist, sind aufgeführt - das hat Peter Handke nicht nötig. Dort ist lakonisch vermerkt: "Peter Handke, geboren 1942 in Griffen (Kärnten), lebt heute bei Paris."

Dann stehen dort noch die Stücke, die Handke geschrieben hat: Von der "Publikumsbeschimpfung", 1966 uraufgeführt, über die "Selbstbezichtigung", "Das Mündel will Vormund sein", das viel gefeierte "Immer noch Sturm" bis zu "Die schönen Tage von Aranjuez" - eine Anspielung auf Schiller. Insgesamt sage und schreibe 19 Schauspiele!

Handkes neues Stück, am Samstagabend in Wien uraufgeführt, hat einen langen Titel: "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße."

Die Unschuldigen

Wer sollen die Unschuldigen sein? Sie bilden einen Chor mit Chorführer, Alltagsmenschen wie du und ich. Handke meint „Die Unschuldigen" sarkastisch. Sie halten sich zwar selbst für Unschuldslämmer, tatsächlich sind sie aber am Desaster, das unsre Gegenwart beherrscht, zumindest mitschuldig.

Sie folgen der Leistungsideologie, leben in Konkurrenz mit ihren Zeitgenossen und sind Konsumidioten wie eh und je, bilden so einen Alltag, der unmenschlich wird. Wohin der gedankenlose Egoismus, die alltägliche Herz- und Hirnlosigkeit führen, ist zur Zeit gerade gut am Zerfall Europas abzulesen, an dem Augenverschließen vor dem Elend der Flüchtlinge. Dagegen also wendet sich das „Ich".

„Ich"

Das „Ich" hat viel mit Handke selbst zu tun, hat geradezu autobiographische Züge, ist allgemeiner aber auch der Dichter, derjenige, der sich gegen den plumpen Alltagsegoismus wendet, dagegen anschreibt und Theater macht.

Dabei zerlegt Handke sein „Ich" in ein dramatisches und ein episches - es gibt viele interessante Passagen für alle, die sich für den Unterschied zwischen Drama und Roman oder Erzählung interessieren.

Die Unbekannte

„Die Unbekannte" ist die Frau, nach der der Dichter sucht, die Geliebte, die ihn auch bei der Arbeit unterstützt, die seine Auffassungen teilt und mit ihm kämpft. Einmal trifft er sie, aber erkennt sie nicht, ein tragischer Moment.

Die Jahreszeiten

Andere Dichter schreiben als Gattungsbezeichnung: "Lustspiel in drei Aufzügen" oder "Tragödie in fünf Akten" - Peter Handke hatte eine andere Idee: "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" bezeichnet er als "Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten". Mehr als ein Gag! Das Stück verläuft in vier Akten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter - aber die Jahreszeiten bezeichnen auch die Lebensalter des Dichters: Jugend, Reife und schließlich alter Meister, die Nähe zum Grab.

Peter Handke geht mit sich als junger Dichter ins Gericht: er war zornig und ungerecht, und er konnte noch nicht genau sagen, worum es ihm ging. Später wurde er klarer. In einer Auseinandersetzung mit seinem Antagonisten, dem Chorführer, dem „Wortführer der Unschuldigen", erklärt er seine Wirkungsabsicht klarer als früher: Es geht ihm um Harmonie.

Eine allumfassende Harmonie, die nicht nur Menschen betrifft, Männer und Frauen, verschiedene Rassen, sondern die ganze (nicht nur die belebte) Welt, unser Verhältnis zu den Tieren, und auch zu den Steinen, der Erde, der Landschaft, der Luft, das Universum nicht zu vergessen - ein radikales poetisches Konzept.

Deswegen ist Handke oft missverstanden und gescholten worden - man denke nur an seine Stellungnahme zu dem Konflikt mit Serbien.

Die Landstraße

Die Landstraße, das ist eine Metapher fürs Leben und zwar das Leben, wie Handke es sich wünscht und vorstellt. Das verteidigt er, da soll sich niemand langschleichen, der nicht seinen Idealen folgt. Als der „Wortführer" vorschlägt, die Straße solle besser genutzt werden, wird das „Ich" wild. Nutzbarkeit - das steht seiner Gedankenwelt diametral entgegen.

Die Inszenierung

Claus Peymann verharmlost den Text mit seiner Uraufführungsinszenierung. Es werden nicht nur wichtige Passagen gestrichen, das „Ich" wird auch zum Narren, mitunter zum Jammerlappen. In der wichtigsten Passage, als der „Wortführer der Unschuldigen" dem „Ich" die Landstraße streitig machen will, hampeln die beiden - Christopher Nell als „Ich" und Martin Schwab als „Wortführer" - buchstäblich herum, als wäre der Streit ein Witz.

Dabei geht es eigentlich um alles, um den Kern des Stücks - und auch um eine Bilanz. Mit „Die Unschuldigen ...." zieht Peter Handke ein Fazit seiner künstlerischen Arbeit, seines Lebens als Dichter - diesem Ernst wird die Regie kaum je gerecht.

Gott sei Dank, dass Karl-Ernst Herrmann das Bühnenbild entworfen hat - es ist abstrakt, eine sanft zur Rampe hin abfallende Ebene beherrscht die Bühne im Großen Haus der Burg. Scheinwerfer mit starken Filtern zaubern wunderschöne Farben und deuten den Wechsel der Jahreszeiten an. Eine Brechtgardiene weist darauf hin, dass es sich um Theater und um Spiel handelt.

Aber dieses Spiel ist ernst. Und diesem Ernst wird Claus Peymann nicht gerecht - auch wenn das Ensemble engagiert agiert. Das Stück ist viel besser als seine Uraufführung.

Ulrich Fischer

Aufführungen: 29. Feb.; 6., 19. und 20. März; 1. und 2. April - Spieldauer 3 Std.

Kartentel.: 0043 1 51444 4440 - Internet: www.burgtheater.at

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