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Auf dem Holzweg

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Ruhrtriiiennale: "Die Fremden" zu komplexxx

MARL. Samuel Beckett gilt als Klassiker der Moderne. Am 3. Januar 1951 notierte das irische Genie: "Ich glaube nicht an eine Kollaboration der Künste, ich will ein Theater, das auf seine eigenen Mittel reduziert ist. Wort und Spiel, ohne Malerei, ohne Musik, ohne Gefälligkeiten." - Beckett hat immer weiter radikal reduziert, bis heute ist er als Meister des Absurden unübertroffen.

Den entgegengesetzten Weg ging Johan Simons (70), zur Zeit Intendant der Ruhrtriiiennale. Er inszenierte "Die Fremden".

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Johan Simons - Foto: Edi Szekely

Eine gute Wahl

Zur Grundlage wählte der Niederländer einen Roman des Algeriers Kamel Daoud: "Der Fall Meursault - eine Gegendarstellung". Der Verlag wirbt: "Der namenlose Araber aus Albert Camus' weltberühmtem Roman ‚Der Fremde' bekommt in diesem Roman eine Identität und eine Geschichte. Haroun, der Bruder des Arabers, erzählt sie, eine Geschichte voller Wut, Trauer, Leidenschaft und Poesie vor dem Hintergrund der algerischen Befreiungsbewegung." Johan Simons will mit dieser Geschichte uns, sein Publikum, mit der Sichtweise der Gegenseite bekannt machen, die Debatte über "Terrorismus" weiten & vertiefen; vermenschlichen. Ein edles Motiv, eine geschickte Wahl.

Aber komplex. Wer Camus' absurden Roman nicht kennt, hat keinen Bezugspunkt und kann nicht immer folgen. Zumal die Bearbeiter, Vasco Boenisch und Tobias Staab, ungeschickt, nicht gradlinig erzählen, sondern zeitlich vor und zurück springen, wie Daoud auch; die Handlung wird zusätzlich immer wieder von Reflexionen und Zitaten unterbrochen. Ich war froh, Daouds Roman eben gelesen zu haben, sonst hätte ich kaum folgen können.

Eine schlechte Wahl

Simons belässt es nicht bei diesem Grad der Komplexität, er erhöht ihn noch; er inszeniert kein Schauspiel, er kreiert "Musiktheater". Das hatte er schon im letzten Jahr mit "Accatone" gemacht und einige Kritik geerntet - aber er hält stur an seinem Konzept fest. Mauricio Kagel wird mit seinen "Stücken der Windrose" einbezogen, György Ligeti mit seinem Kammerkonzert von 1969/70. Und:

Scherzo

Johan Simons hat, vielleicht weil er bemerkte, dass seine Geschichte allzu schwer wurde, einen Opernwitz eingefügt. In einem wundervollen Abendkleid tritt Katrien Baerts auf, schreitet gemessen zum in die Mitte der Spielfläche platzierten Orchester (Asko|Schönberg), wartet, bis sie dran ist, und erhebt ihren glockenhellen Sopran; sie singt makellos. Aber was? Man kann nichts verstehen. Gott sei Dank gibt es Leinwände, auf die die englische Übersetzung projiziert wird. Aber dort gibt es Silben, die an einen seltenen nepalesischen Dialekt erinnern, der vor dreihundert Jahren auf dem Mount Everest gesprochen worden sein könnte. Claudie Vivier hat mit einer Phantasiesprache(!) seine orientalisch klingende Komposition "Bouchara" unterlegt; man kann nix verstehen. Vielleicht machen Vivier und Simons sich über Sopranpartien lustig, die nie jemand verstehen kann, weil, selbst wenn die Sängerin optimal artikuliert, alles ins Reich des Rätsels abrutscht, einfach der Tonhöhe wegen. Nun hätte eigentlich das Publikum lachen dürfen, ja müssen - aber nix. Für mich ein untrügliches Zeichen, dass die Zuschauer überfordert und desorientiert waren.
*

Damit nicht genug, Simons stellt neben akustisches optisches Beiwerk: Aernout Mik schafft, extra für diese Uraufführung, eine neue Arbeit: ins Riesige vergrößerte Film- und Videoausschnitte von Soldaten, von Besiegten, von Fremden, die in Lagern hausen.

Was hätte wohl Beckett gesagt? Welche Zuschauer wäre nicht überfordert, zumal in einer ganz besonderen Umgebung gespielt wird, nicht im Theater, sondern, wie bei der Ruhrtriennale üblich, in einem Industriedenkmal, in der Kohlenmischhalle von Marl, die eigens für diese Aufführung zum Spielort aufgerüstet wurde. Die Ausmaße sind gigantisch.

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Mischanlage auf der Zeche Auguste-Victoria Marl

Die Entfernung von Zuschauer und Schauspieler ist zu groß, als dass die Gesichter der Darsteller erkennbar wären, geschweige denn ihre Mimik.

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Foto: Ruhrtriennale 16

Oft ist nicht zu entscheiden, wer gerade spricht - und wenn Sandra Hüller, erkennbar an ihrer kristallklaren Artikulation, das Wort ergreift, ist der Zuschauer verwirrt: denn Sandra Hüller spielt nicht nur Meriem, die Geliebte des Helden, sie spielt auch, zusammen mit den anderen vier Akteuren, einen Aspekt eben dieses Helden.

Wie man Orientierungslosigkeit auf der Bühne produziert

"Der Fremde" von Albert Camus gilt als richtungsweisend für die Absurden. Er zeigt, wie ein Mörder sich nicht an seine Tat zu erinnern vermag, es gibt keine plausible Geschichte; Camus schafft ganz bewusst "Zusammenhanglosigkeit". Kamel Daoud hingegen dekonstruiert diese Zusammenhanglosigkeit; er zeigt mit der geschichtlichen Herleitung auf, wie alles mit allem zusammenhängt. Die Musikauswahl evoziert Verwirrung, sie kann als Kunstform nicht aufklären, sie ist zu beliebig. Ein paar Dissonanzen illustrieren nur das bereits hinlänglich Bekannte: Es gibt einen schwerwiegenden Konflikt, keine Harmonie. Aber was für einen Konflikt? Wie ließe er sich lösen? - Und wie soll dieser Mischmasch, Johan Simons absurder Realismus, nun wirken? Zur gesellschaftlichen Verwirrung die Orientierungslosigkeit der Kunst hinzufügen?
"Die Fremden" ist kein Stück über Orientierungslosigkeit geworden, sondern eines der Orientierungslosigkeit. Die Fülle bereichert nicht, sie fügt zur sowieso schon vorhandenen Orientierungslosigkeit noch eine Facette hinzu. Die Kunst hilft nicht heraus, wie zum Beispiel Kamel Daoud mit seinem Roman, sie verdoppelt.

Das Peter-Prinzip

Das Peter-Prinzip erklärt, warum an Spitzenpositionen immer Leute sitzen, die überfordert sind. Es funktioniert so: Ein junger Mann macht seine Sache gut. Er wird befördert. Er macht seine Sache wieder gut und wird wieder befördert. Jetzt ist er überfordert und baut Mist. Da bleibt er sitzen auf seiner Führungsposition, bis er pensioniert wird. - Johan Simons war mal Schauspieler; gut. Regisseur; gut, Theaterdirektor: auch gut. Jetzt ist er Leiter der Ruhrtriiiennale ...

Simons verfügt über viel Geld, er hat Macht; Künstlerkarrieren kann er fördern - oder eben nicht. Ob ihm da Schmeichler einblasen, er könne mehr als er kann? "Tout flatteur/ Vit au dépens de celui qui l'écoute" ("Jeder Schmeichler lebt auf Kosten seines Zuhörers"), verrät der listige Fuchs dem betrogenen Raben. Johan Simons sollte mal wieder Jean de la Fontaines "Fabeln" studieren.

Die Quintessenz der "Fremden"-Uraufführung dürfte sein, dass der Mensch angesichts der Probleme, die er schafft, angesichts seiner Natur und innerhalb eines gewaltigen Kosmos schlicht und einfach überfordert ist; er lebt in einer absurden Welt. Genau das hat, klarer, übersichtlicher und mit viel weniger Aufwand, Samuel Beckett gezeigt. Z.B. in und mit seinem „Endspiel".
Und noch ein Vorteil, der nicht gering zu achten ist: Beckett hat Humor!

Ulrich Fischer

Aufführungen: 2., 3., 8., 9. und 10. Sept. - 20.00 Uhr; 4. Sept. - 17.00 Uhr; in der Kohlenmischhalle, Zeche Auguste Victoria, Marl - Spieldauer: knapp 2 Std.
Kartentel.: 0221 - 280210 - Internet: www.ruhrtriennale.de