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HERBERT FRITSCH
ullstein bild via Getty Images
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Die „Apokalypse - nach der Offenbarung des Johannes" auf der Bühne

RECKLINGHAUSEN. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Diese kühle Maxime von Helmut Schmidt könnte Herbert Fritsch seiner neuesten Inszenierung zu Grunde gelegt haben. Der als Spaßregisseur verharmloste Theatermann inszenierte die „Apokalypse", die Uraufführung kam am Donnerstag im Rahmen der Ruhrfestspiele im Großen Haus in Recklinghausen heraus und polarisierte das Publikum: Begeisterter Beifall, Pfiffe (der Anerkennung?) aber auch Buhs. Alles war verdient.

Der Beifall erstmal für die Kühnheit, einen heiligen Text auf die Bühne zu bringen. Der Apokalypse legten Fritsch und sein Dramaturg Carl Hegemann die Offenbarung des Johannes zu Grunde - in der Übersetzung Martin Luthers.

Angst und Schrecken

Johannes' „Offenbarung" hat Jahrhunderte fromme Christen in Angst und Schrecken gejagt - der Text ist dunkel, finster, bedrohlich. Herbert Fritsch, der auch das Bühnenbild entworfen hat, löst die Offenbarung von ihrem historischen Hintergrund - die Bühne ist mit einer Projektionsfläche abgedeckt, sie kann mit farbigen Scheinwerfern in ein Meer von strahlendem Rot, Blau oder Gelb verwandelt werden - und hier tritt Wolfram Koch auf.

Der Mime mit der vorangeschrittenen Glatze, von einem grauen Haarkranz umweht, trägt einen kanariengelben Anzug (später das mit farbigen Rauten geschmückte Hanswurstkostüm als Trikot) und erinnert an einen Marktschreier, einen ehemals bekannten Showmaster des deutschen Fernsehens, an einen durchgeknallten Fernsehprediger aus den USA und mit seiner großen Klappe an einen Präsidentschaftskandidaten des freiesten Landes der Welt.

Koch wäre, wie wohl jeder Schauspieler, überfordert gewesen, die „Apokalypse" auswendig zu lernen - die Gedanken und Visionen Johannes' sind zu phantastisch, die Assoziationen zu willkürlich aneinandergereiht. Der Mangel an Kohärenz wird zum Hauptargument, den Propheten für verrückt zu erklären - und um seinen Text vortragen zu können, wird Wolfram Koch Elisabeth Zumpe an die Seite gestellt; sie ist die Souffleuse auf der Bühne und hilft die ganze Zeit ein. Komisch, manchmal ein bisschen störend, man kann Koch so schlecht verstehen - aber das Wichtigste kommt rüber: dieser Mann, den er spielt, dieser Prophet hat einen an der Waffel.

Ein bisschen Blasphemie ist immer schön

Ein bisschen Blasphemie ist immer schön - gerade im Volkstheater („Apokalypse" ist eine Koproduktion der Ruhrfestspiele mit der Volksbühne Berlin), aber diese Inszenierung ist wesentlich subversiver als nur eine Schändung der Schrift. Sie fragt, wie verrückt Leute sein müssen, an einen solchen Blödsinn zu glauben, sich von derart verrückten Phantasmen einschüchtern zu lassen. Wie ist es möglich, dass ernsthafte Gelehrte sich mit der Apokalypse ernsthaft und tiefgründig auseinandergesetzt haben?

Fritsch appelliert wie Helmut Schmidt an den gesunden Menschenverstand. Wolfram Koch zeigt einen Psychopathen, der vor Selbstverliebtheit birst, einen autoritären Sack voller sadistischer Ideen, herrschsüchtig und eitel wie ein Pfau.

Wie man hört, haben nicht nur Christen Propheten gehabt. Vielleicht sollte jede Religion ihre Stifter dem Säurebad des Fritsch'schen Humors aussetzen - es ist ein Scheidewasser, das echtes Gold von falschem zu unterscheiden vermag.

Gewiss, die Inszenierung hatte Längen, Wolfram Koch könnte disziplinierter spielen und sich weniger auf Improvisation verlassen, die Inszenierung würde gewinnen. Aber dieses Volkstheater ist ein echter Zugewinn: an Vergnügen und Spaß, aber auch an philosophischer Tiefe, an zersetzender Skepsis - antiautoritäres Volkstheater. Dario Fo hätte seine Freude daran - und der war schließlich Nobelpreisträger.

Aufführungen am 10. Juni. Spieldauer: 1 Std. 40 Min.

Kartentelefon: 02361 9218 - 0 - oder im Internet

Die Premiere in der Berliner Volksbühne ist am 22. 6. 2016

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