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Angela Merkel im Theater

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Samuel Becketts „Endspiel" bei den Salzburger Festspielen

SALZBURG. Das „Endspiel" von Samuel Beckett war eine gute Wahl zum Auftakt der Schauspiele der Salzburger Festspiele. Denn 2016 ist das letzte Jahr von Sven-Eric Bechtolf als künstlerischer Leiter - aber „Endspiel" wurde mehr als nur eine geistreiche Anspielung. Bechtolf hat wenig Anklang bei der Mehrzahl der Kritiker gefunden, er gilt als arrogant. Aber das trifft es nicht. Bechtolf wurde wohl in die Ecke gestellt, weil er nicht dem Mainstream folgte. Die Mehrzahl der Kritiker zieht jüngere und junge Dramatiker, Regisseure, Bühnenbildner vor - Bechtolf sucht kompromisslos nach Qualität. Und da stellt sich die Frage, ob er nicht Recht hat, wenn er Samuel Beckett jungen Dramatikern vorzieht.

Tatsächlich wirkte „Endspiel" radikaler und theatralischer als die besten MeisterInnen der Neuen, überzeugender als beispielsweise Dea Loher oder/und Roland Schimmelpfennig. Mit dem „Endspiel" erweist sich Beckett einmal mehr als Klassiker der Moderne. Es gelingt ihm wie keinem anderen, das Absurde unserer menschlichen Existenz einzufangen und zur Anschauung zu bringen. Aktuell ist er sowieso. (Eigentlich immer. Schrecklich!)

Ein klassisches Paar

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Foto: Salzburger Festspiele - Bernd Uhlig

Auf dem Foto können Sie erkennen, wie liebevoll bis ins Detail Jürgen Rose sein Bühnenbild entworfen hat. Im Hintergrund im Rahmen sehen Sie - nichts. Das Nichts! Das Bild hängt schief.

Im Mittelpunkt stehen Hamm und Clov. Hamm ist der Herr, er ist blind und gelähmt. Er sitzt auf einem schäbigen auf ein Podium geschraubten TheaterThronsessel, der von Clov, seinem Diener, hin und her gefahren wird. Meistens aber sitzt er still und befiehlt Clov, aus dem Fenster zu schauen - dort ist nichts. Oder besser: Das Nichts.

Ein Beckett-Deuter schrieb, die absurde Farce spiele in einem postapokalyptischen Zeitalter. Vielleicht ist ein alles verheerender Krieg voraus gegangen, Clov und Hamm sind die beiden einzig Überlebenden. Wahrscheinlicher scheint mir, die beiden bilden ein zeitenthobenes Paar, das es schon immer gegeben hat und immer geben wird: Herr und Knecht. Sie ertragen es nicht länger miteinander, aber sie können auch nicht voneinander lassen. Mitunter fragt Hamm, warum Clov ihm gehorche, warum er ihn nicht erschlage - aber die Frage wird nie beantwortet - sie wird fallen gelassen. Immer wieder redet Clov davon, Hamm zu verlassen, er droht damit - doch bleibt.

Überall makellose Meister

Regisseur Dieter Dorn, wie Beckett ein alter Meister, inszenierte intensiv, arbeitete auch den (tiefschwarzen) Humor des Textes heraus, und hatte mit Nicholas Ofczarek (Hamm) und Michael Maertens (Clov) zwei außergewöhnlich starke Spieler, die sich ganz ohne Manier diszipliniert auf den Text und ihr Spiel konzentrierten. Das Ergebnis ist niederdrückend: Wir sind eingeschlossen in unsere Existenz, wir können nicht raus (aus unserer Haut), selbst wenn wir es wollten. Wir reden von Aufbruch und bleiben doch. Absurd.

Wenn Sven-Eric Bechtolf tatsächlich geforscht haben sollte, wer der beste Dramatiker unserer Zeit ist, in Samuel Beckett hat er gewiss einen er Besten gefunden - Brecht kann noch mit ihm mithalten, ja, übertrifft ihn noch, die anderen eben nicht. Das gleiche gilt für die Regie. Aber die Auswahl dieser zugegeben Alten sollte doch nicht zur Ausgrenzung Bechtolfs führen - im Gegenteil. Lebendiges Theaterleben sollte Wettbewerb beinhalten - da müssen die Jungen erst einmal zeigen, dass sie wirklich besser sind als die Alten. Jung sein ist nicht schon besser, weil man jung ist - Qualität beweist sich auf der Bühne. Hic Rhodus, hic salta.

Bemerkenswerter Besuch

Bei der Premiere saß Angela Merkel im Rang. Die Bundeskanzlerin saß als Gleiche unter Gleichen, wie alle anderen Theaterbesucher auch. Bewaffnete Polizisten (wie in Bayreuth) waren nicht zu sehen, überhaupt keine Personenschützer - alles wirkte völlig normal. Sie setzte sich, als das Licht ausging, ihre Brille auf, damit sie besser das Nichts sehen konnte.

Das war eine schöne Demonstration von Unaufgeregtheit, Normalität und Zivilcourage. Die Bundeskanzlerin will im Urlaub mal ins Theater gehen - warum denn nicht?

Was sie wohl gedacht hat? So schlimm wie im „Endspiel" ist es in Berlin noch lange nicht? - aber Ähnlichkeiten sind nicht ausgeschlossen? Diese ewigen Hahnenkämpfe! Und dies bleigraue Perspektive. Ich bin fast sicher, dass sie mehrfach geschmunzelt hat und geklatscht hat sie auch. Eines ist gewiss: Sie hat eine bemerkenswerte Aufführung gesehen!
Ulrich Fischer

Aufführungen am: 1., 3., 4., 6., 7. und 8. August. Die Inszenierung, eine Koproduktion mit der Wiener Burg, dauert 2 Stunden und zehn Minuten; Premiere in Wien soll am 4. September sein.