Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Ulrich Fischer Headshot

12 Stunden Theater. In Worten: Zwölf!!!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Das Festival d'Avignon fordert seine Zuschauer

2016-07-09-1468085016-7486193-cour_du_palais_des_papes___christophe_raynaud_de_lage___festival_davignon.jpg

Palais des Papes in Avignon
Foto: Christophe Raymond de Lage/Festival Avignon

AVIGNON. Olivier Py, von vielen, vor allem Franzosen, als Dramatiker gemocht, von den meisten als Intendant des Festival d'Avignon respektiert, ja geschätzt, wird von allen gefürchtet. Er schreibt nämlich, inszeniert und lädt vor allem mit Vorliebe lange Stücke und Inszenierungen ein. Laaaange Aufführungen.

2016-07-10-1468142399-1569777-unnamed.jpg
"Die Verdammten" im Ehrenhof des Papstpalastes. (Foto: Christophe RAYNAUD DE LAGE)

Man darf Py als Journalist gar nicht fragen, ob er seine Zuschauer nicht überfordere. Er schaut einen streng an und belehrt: „Das Publikum will das. Es will gefordert werden!" Dabei lässt seine schauspielerisch geschulte Stimme (ein wunderbar weicher Bariton) weder Zweifel noch Widerspruch zu. Natürlich will das Publikum nur das Beste. Wer wagt Zweifel? - In diesem Jahr schießt vermutlich „2666", was die Lääänge angeht, den Vogel ab. Julien Gosselins Bühnenbearbeitung des gleichnamigen Romans von Roberto Bolaño dauert sage und schreibe 12 Stunden.

Auf der Suche nach einem deutschen Dichter

Es geht um die Suche nach einem bedeutenden deutschen Dichter. In der Exposition machen sich eine einflussreiche Literaturkritikerin und drei ihrer Kollegen auf die Suche nach einem verschollenen Schriftsteller. In einer Schlüsselszene fragt ein Zeitzeuge die Sucher, warum sie den Romancier finden wollen. Er sei der wichtigste deutsche Poet des 20. Jahrhunderts, antworten sie unisono. Ihr Gegenüber wendet ein, das sei Kafka gewesen. Mag ja sein, aber ihr Mann (oder vielleicht nur ein Mythos, ein Fantom?) sei der wichtigste in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und er sei im Gespräch für den Nobelpreis.

Die Frage: "Warum forschen Sie nach einem Literaten?" geht aber tiefer - was sich aber erst später nach einigem Nachdenken erschließt.

Eine vorsichtige & taktische Liebeserklärung

Zuerst einmal: Das französische Theater ist Weltklasse. Molière kann es mit Shakespeare aufnehmen. Wir sollten bei uns in Deutschland viel mehr französische Stücke spielen. Aber - das darf man nach dieser Vorrede des Respekts, der Anerkennung und der Liebe vielleicht auch sagen: viele französische Bühnenleute sind wortwütig. Regisseure stellen gerne ihre Inszenierungen aufs Wort, französische Schauspielschüler werden auf Textgenauigkeit und Phonetik, auf meisterhafte Artikulation dressiert - und wenn schon die meisten Aufführungen dem Wort mehr Raum geben als der Gestaltung der Szene, dann ist das in „2666" noch mal doppelt so viel. Wortwüsten dominieren die Aufführung, die Wüste Sahara und die Wüste Gobi zusammen. Manchmal geht das Licht aus (das ist wirklich wahr!!) und wir Zuschauer in der „Fabrica", dem Aufführungsort in einem Wohngebiet einfacher Leute außerhalb von Avignons alter Innenstadt, hören nur aus dem Lautsprecher die geschulte Stimme einer perfekt artikulierenden Schauspielerin, die in klassischen Vollendung ein Crescendo hinlegt, das sich gewaschen hat.

Oder Monologe. Mit Vorliebe lässt Julien Gosselin Schauspielerinnen an die Rampe treten und uns in langen Monologen (15 Minuten!) die Handlung referieren; manchmal wird auch ihre Physiognomie ins Riesige vergrößert. Gosselin hat die Videokamera entdeckt (Danke, Frank Castorf!), lässt die Schauspielerin aufnehmen und ihr Bild, ins Gigantische vergrößert, auf eine riesige Leinwand im Hintergrund projizieren.

Mehr Engagement, bitte. Aber subito!

Ist Gosselin aller Regieverstand abhanden gekommen? Oder hat er was im Sinn? Wohl Letzteres. Es wird in diesem Stück geredet und geredet - dahinter verbirgt sich wohl eine Kritik an der Wortbesoffenheit, an der Überschätzung des Begriffs, an der Heiligsprechung von Literatur und Literaturkritik in Frankreich. Denn wir sehen und hören auch von unglaublichen Verbrechen, von der Gleichgültigkeit der Polizei, von einer Verrohung, die es anzuprangern gilt. Immer wieder. Aufrüttelnd!

Nach zwölf Stunden steht das Urteil fest: Gosselin hat recht: das Gequatsche ist müßig, eitel. „Der Worte sind genug gewechselt/Nun lasst uns Taten sehen." - Was aber nicht bedeutet, dass die Literatur, das Theater überflüssig wäre/n. Sie müssen sich nur in den Dienst der guten Sache stellen. Engagiertes Theater!

Ruhe! Der Intendant persönlich spricht

Das genau ist auch das Stichwort des unnachsichtigen Intendanten. Olivier y besteht darauf. Er schreibt im Vorwort des ungewöhnlichen reichen Programmheftes: "On ne fait pas la révolution seul ... " "- Man macht die Revolution nicht allein. Die großen Veränderungen, Revolutionen sind immer das Ergebnis vom Wind der Geschichte begünstigter kollektiver Kräfte. Aber wie leben, wenn dieser Wind nicht weht? Wie leben, wenn die Politik, die Zukunft vergessend, ohne Hoffnung ist? Wie leben, wenn Ideen kein Wert mehr beigemessen wird, wenn der soziale Körper, hin- und her gerissen, verängstigt, zum Schweigen verurteilt ist? Wie ein würdiges Leben führen, wenn Ränke & Schliche Politik ersetzen?

Wenn die Revolution unmöglich ist, bleibt das Theater. Utopien auf der Bühne warten auf günstigere Tage, erneuernde Kräfte erfinden bereits ein Morgen. Wünsche nach Frieden und Gleichheit werden dort nicht vergeblich ausgesprochen. Wenn Hamlet die Unmöglichkeit der Revolution sieht, versammelt er Schauspieler, um eine Revolution des Theaters anzuzetteln, das ausspricht, dass alles ist noch immer möglich ist, dass man die Sehnsüchte der von Pflichten umgrenzten Tage erneut beleben muss..."

Und genau das tut Josselin, ganz im Sinne Bolaños: er raubt unserm System Legitimation, wenn er argumentiert: wo wir leben herrscht keine Ordnung, sondern Chaos. Armen Leuten geht's ans Leben, und keine Sau kümmert's. Bestenfalls führt die Polizei noch Protokoll.

Gosselins Theater schreit auch nach Taten.

Ovationen

Das Publikum war begeistert; einige, dann immer mehr, schließlich die meisten ZuschauerInnen applaudierten stehend. Bravostürme! Nach zwölf Stunden Theater...

(Ich wage es nicht zu schreiben - aber zehn Stunden hätten auch gereicht. Die Kolportageelemente sind aufdringlichen und sollten unbedingt raus. Weniger wäre mehr! - Aber, bitte, das nur unter uns. Dass es bloß Olivier Py nicht hört. Wenn der mich sonst auf irgendeiner Premiere erwischt, erklärt er mir, warum ... Und das ausführlich. Dabei weiß ich ja, Py hat Recht!)

Ulrich Fischer

(Ich hab' im Publikum den Intendanten einer namhaften Münchner Bühne gesehen, vielleicht kauft er ja ein Gastspiel ein. Das wäre gut!)