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Schade um das gute Stück

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Edoardo Erbas "Utøya" in Oldenburg erstaufgeführt

Utøya heißt die norwegische Insel, auf der 2011 ein Rechtsradikaler ein Gemetzel an Jungsozialisten angerichtet hat, und "Utøya" nennt Edoardo Erba sein Kammerspiel, das sich mit dem Anschlag auseinandersetzt. Der italienische Dramatiker beschreibt dabei nicht direkt Täter und Opfer, sondern indirekt Folgen - anhand von drei norwegischen Paaren.

Sechs NorwegerInnen

Malin und Gunnar sind schon lange verheiratet - sie haben sich entfremdet. Gunnar hat einen schweren Konflikt mit seiner halbwüchsigen Tochter, die sich mehr für teure Klamotten und Tattoos interessiert als für gesellschaftliche Fragen; deshalb hat er sie trotz ihres Wiederstands, trotz der Mahnungen seiner Frau, im Sommer bei den Jungsozialisten angemeldet. Sie soll mit ihnen Ferien auf Utøya verbringen und etwas über den norwegischen Sozialismus lernen. Als die Nachrichten von dem Mordanschlag kommen, beschuldigt die Mutter, außer sich, ihren Mann, verantwortlich für den Tod der Tochter zu sein - eine hochdramatische Szene.

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Das zweite Paar bilden ein alternder Polizist und seine junge Kollegin. Ihre Wache liegt ganz in der Nähe von Utøya - die junge Polizistin will los und helfen. Der Alte bremst - er beruft sich auf den Befehl zu warten, sie wüssten ja nicht, was auf sie zukommt. Der Alte wirkt weniger bedacht, als feige. Desto liebenswerter, bewunderungswürdiger die junge feurige Frau - eine wahre Polizistin von Berufung, die helfen, beschützen will.

Das dritte Paar ist ein bisschen sonderlich - Geschwister. Die ältere Schwester betüddelt nicht nur ihren Bruder, sie will ihn beherrschen. Der ist neugierig und möchte wissen, was der sonderbare Nachbar so macht - es stellt sich heraus, es ist Anders Behring Breivik, der Attentäter. Hätte der junge Mann seiner Neugier, besser: seinem Argwohn freien Lauf gelassen, hätte das Attentat mutmaßlich unterbunden werden können. Doch die Schwester hat das verhindert: Norweger schnüffeln ihre Nachbarn nicht aus, predigt sie ihrem Bruder.

Das Stück ist erfrischend (norwegisch) nüchtern und birgt gleichzeitig vulkanische (italienische) Energien. Der Dramatiker stellt Fragen an uns, die Zuschauer, wie wir unser Leben angesichts des Terrors ändern sollten - die Antwort muss jeder sich selbst geben. Nur eines scheint klar bei Edoardo Erbas Schilderung: feurige Polizistinnen sind besser als erloschene Gesetzeshüter, Mut besser als Feigheit. Die Quintessenz des Stücks kann man schon bei Thukydides nachlesen: "Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut." Die Polizistin ist als Figur dem Dramatiker am besten gelungen.

Die Konvention frisst das Unerhörte

Helen Wendt wirkt von dieser starken Rolle überfordert, Exaltationen liegen ihr fern. Sie kämpft mit dem Text, spricht zu schnell, artikuliert nicht deutlich genug. Wie Franziska Werner, die dominante Schwester - deren ungezügelte Herrsch(Damsch?)sucht die Schauspielerin zu wenig enthüllt. Die Möglichkeiten, die die Zuspitzungen bieten, lassen die Schauspieler zu oft ungenutzt.

Regisseur Peter Hailer setzt einen Teil des Publikums auf die Hinterbühne der Oldenburger Kammerspiele, so dass zwischen den beiden Zuschauerblöcken - im Parkett und auf der Bühne - agiert wird. Die Inszenierung betont, dass es um unser Aller Sache geht (gut!) - zerrt aber einen Teil der Schauspieler auf den Balkon. Die Energie der Konflikte kann sich so kaum entfalten - wer beide Kontrahenten sehen möchte, muss sich auf seinem Platz hin und her drehen wie ein Wendehals (nicht gut!). Handwerkliche Fehler.

Hoffentlich wird "Utøya" nachgespielt. Das Schauspiel hat mehr Potential, als bei der deutschsprachigen Erstaufführung am Mittwoch in Oldenburg entbunden wurde.
Ulrich Fischer

Aufführungen am 26. Aug.; 3., 8., 13., 23. und 28. Sept. -Aufführungsdauer: 80 Min.
Theaterkasse: 0441 2225-111 - Internet: www.staatstheater.de