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... der Mann ein Abbild und Abglanz Gottes

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Ein Moment in Gerhart Hauptmanns "Rose Bernd"

Religionskritik wird wieder ein Schwerpunkt auf deutschen Bühnen. War schon bei Lessing so, und das waren nicht die schlechtesten Zeiten für unser Theater. Jetzt haben einige RegisseurInnen die Nase voll von der Gewalt, die im Namen welcher Religion auch immer von den Kindern welchen Gottes auch immer ausgeübt wird, zum Ruhme Gottes und zur Beförderung des ewigen Friedens - nach dem Endsieg.

Eine ganz besondere Art hat sich Karin Henkel ausgedacht - in ihrer neuen Inszenierung von "Rose Bernd". Gerhart Hauptmann hatte auch genug von der Engherzig- und -stirnigkeit insbesondere des Protestantismus, unter dem er schon in seiner Kindheit gelitten hatte. Mehr als nur Spuren boshafter und treffender Religionskritik finden sich auch in seinen Dramen - besonders in "Rose Bernd", wo die Moral der guten Christen genau das Gegenteil von der Nächstenliebe, die Christen nicht müde werden zu propagieren, bewirkt. Rose Bernd bringt ja ihr Baby um, sobald es zur Welt gekommen ist. Von den Männern hat keiner Schuld, die Mutter aber wohl - tja, da kann man nichts machen. Massiver Frauenhass geht einher mit männlicher Selbstgerechtigkeit. Phallokratie!

Gerhart Hauptman hat diese Art alltäglicher Heuchelei sehr schön und ausführlich angeprangert, und Karin Henkel, seine Regisseurin, greift den Faden auf und verstärkt die Kritik.

Hermetisch

Aber der Zuschauer braucht Zeit, um eine ihrer massivsten künstlerischen Interventionen zu kapieren: Nach der Pause erwartet den Betrachter weder ein geschlossener Vorhang noch eine leere Bühne, sondern der Chor. Er besteht aus Männern, die Männer des Dorfes, die die bösartige kollektive Holzköpfigkeit repräsentieren, die Rose zur Strecke bringen, gute Christenmänner. Sie stehen prominent mitten auf der Bühne.

Die Schauspieler tragen Frauenklamotten und machen Knixe, während sie, im Chor, herleiern:

Seid einander untertan in der Furcht Christi. Ihr sollt wissen, dass Christus das Haupt eines jeden Mannes ist, der Mann aber das Haupt der Frau und Gott das Haupt Christi. So ist der Mann ein Abbild und Abglanz Gottes; die Frau aber ist der Abglanz des Mannes. Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann. Der Mann wurde auch nicht um der Frau willen geschaffen, sondern die Frau um des Mannes willen. Denn im Herrn gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau. Denn wie die Frau vom Mann stammt, so kommt der Mann durch die Frau zur Welt; alles aber stammt von Gott. Gib als Mann deine Seele nicht einer Frau, sonst tritt sie deine Stärke mit Füßen! Denn von einer Frau kommt der Anfang der Sünde und durch sie sterben wir alle.

Der arme Zuschauer, eben noch in der Pause beim Würstchen, versteht nichts, denn der Chor leiert wirklich. Er exekutiert (und parodiert) jenes Sprechen, das leidgeprüfte Theaterfreunde aus schlechten Aufführungen kennen, wenn Schauspieler einen Text auswendig gelernt haben und wieder abliefern, ohne ihn verstanden zu haben. Der Sinn bleibt auf der Strecke.

Enthüllungen

Erst nach und nach, wenn man sich anstrengt, versteht man Teile - und fragt sich, was das ist? "Denn der Mann stammt nicht von der Frau, sondern die Frau vom Mann." Das klingt irre und doch so vertraut. Und tatsächlich, die Dramaturgie des Deutschen Schauspielhauses bestätigt es, der Text stammt aus der Bibel, aus dem Neuen Testament, Originalton Paulus. (Auszüge aus dem 1. Paulusbrief an die Korinther.)

Der Text ist auf eine absurde Weise frauenfeindlich. Die Männer sind jene, die die Fortpflanzung garantieren? Wer hätte das gedacht. Und die Konsequenz: "Gib als Mann deine Seele nicht einer Frau, sonst tritt sie deine Stärke mit Füßen!" Drum Obacht: "Denn von einer Frau kommt der Anfang der Sünde und durch sie sterben wir alle."

Aber warum lässt Karin Henkel den Chor so erbarmungslos leiern? Sie erinnert an jene Art des Gottesdienstes, in dem das Glaubensbekenntnis runtergerasselt wird, ohne es zu verstehen oder je verstanden zu haben. Es ist ein Stück selbstverschuldeter Unmündigkeit, aus der jeder mal heraustreten sollte, wie ein Philosoph einst geraten hat. Der Chor verbleibt darin - und erzeugt mit seinen geleierten Absurditäten ("Der Mann wurde auch nicht um der Frau willen geschaffen, sondern die Frau um des Mannes willen.") jene Atmosphäre, an der nicht nur Rose Bernd scheitert, sondern auch ihr Kind stirbt.

Lächerlich!

Mörderische Offenbarungen. Aus denen heraus sich auch das weibliche Kostüm und die Knixe des Chors erklären könnten:

Der Chor mit seiner weiblichen (Ver)Kleidung und seiner Knixerei sieht lächerlich aus. Die Komik drückt das Befremden der Regisseurin angesichts einer frauenfeindlichen Tirade aus, in der Frauen und Männer so durcheinander geschüttelt werden, dass sogar die Männer noch das Leben schenken. Dieses Befremden mündet im LächerlichMachen. Bei näherer Betrachtung kann man konstatieren: Karin Henkel und ihr Chor machen sich über Paulus lustig, sie stellen ihn an den Pranger. Diese Strafe hat er sich mit seinen Betrachtungen, mit seinem Sermon verdient. Hier greift eine Feministin giftig eine bis heute wirkmächtige Autorität an, einen Vertreter kompromisslos männlicher Vorherrschaft: "Gib als Mann deine Seele nicht einer Frau, sonst tritt sie deine Stärke mit Füßen!" - Ein forciert theatralischer Moment - aber zu sehr verschlüsselt. Die Szene befremdet - aber der Grund des Befremdens ist zu schwer zu entdecken. Die Anschaulichkeit bleibt im Rätsel stecken und behindert so den intendierten und wohl begründeten Angriff.

Schlüssel

Vielleicht hätte man diesen Text im Programmheft abdrucken sollen. Dann wäre die Attacke auf Paulus, ganz im Sinne des Autors, besser rübergekommen.

Aber die Inszenierung ist toll - und diese verrückte Szene nach der Pause auch. Wenn man sie auflöst - und merkt, wie viel Unglück aus dem Unverstandenen sich herleitet, das, verstanden, längst auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet wäre(?), bekommt man ein bisschen von jenem Erkenntniszuwachs, der die Qualität dieser sonderbaren Inszenierung ausmacht.
Ulrich Fischer

Nach der Premiere im Rahmen der Salzburger Festspiele wandert die Aufführung weiter nach Hamburg ins Deutsche Schauspielhaus; dort ist am 1. Oktober Premiere.