Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. med. Ulrich Bonk Headshot

Daseinsvorsorge mit Stammzellen in den USA - Telekommunikation nach Stammzelltransplantation in Deutschland

Veröffentlicht: Aktualisiert:
STEMCELLS
Nicola Tree via Getty Images
Drucken

Wir erinnern uns an die emotionalen Auseinandersetzungen zur Stammzellforschung vor wenigen Jahren.

Obama konnte seine Vorstellungen zur freien Stammzellforschung gegen die Widerstände religiöser Gruppen durchsetzen und mit dem Argument der Daseinsvorsorge für alle Amerikaner und vor allem für die in den Staaten hochangesehenen Angehörigen der Streitkräfte seine Opponenten zum Schweigen bringen.

Die Vereinigten Staaten sehen die realistische Gefahr eines Terroranschlages mit Nuklearwaffen und treffen Vorsorge mit einem milliardenschweren Programm. So werden im ganzen Land die von Spendern zur Verfügung gestellten typisierten Stammzellen tiefgefroren und in Bunkern sicher aufbewahrt, um beim Atomschlag eines Feindes in gewissem Umfang medizinisch gewappnet zu sein.

Die Strahlenkrankheit

Bei der schweren Form der Strahlenkrankheit könnte so durch eine Stammzelltransplantation Leben gerettet werden. In dieser Situation darf keine Zeit verloren gehen- die betroffenen Patienten sind hochgradig gefährdet bei zerstörter Blutbildung und schwersten Schädigungen von Haut und Schleimhäuten (fehlende Regeneration dieser kurzlebigen Zellen).

Ungläubig schaut Europa in die USA. Es fehlt an Geld für solche Programme, auch Deutschland kann eine solche Vorsorge für die Bürger nicht leisten. Wasser und Nahrung sollen sie bunkern. Die Erfolge der naturwissenschaftlichen Medizin und der Stammzelltransplantation sind in Deutschland überall gegenwärtig.

Wie bei der Organtransplantation geht es auch hierbei in den deutschen Kliniken um einen hohen finanziellen Aufwand und um extreme Erlöse durch die Fallpauschale. Kritiker sehen in den vielen Zentren mit diesem Angebot ein umstrittenes Messingrad im Überlebenskampf der Krankenhäuser.

Dieser ethische Konflikt lässt sich nicht auflösen. Kein Kommunalpolitiker schließt eine Klinik. Die Häuser sollen auf Grund ihrer wirtschaftlichen Situation von sich aus aufgeben oder ab dem kommenden Jahr ( Krankenhausstrukturgesetz) wegen „mangelnder Qualität" geschlossen werden und versuchen deshalb, durch Spezialisierung und „attraktive" Fallpauschalen ihre Existenz zu sichern.

Mehr als verdienstvoll bei dieser deutschen Gemengelage und für die hiesigen Geisteswissenschaften sprechend, dass Kommunikationswissenschaftler seit über 15 Jahre und zuletzt von der DFG gefördert ungewöhnlich umfangreiche Studien zur Überwindung der Isolation (zum Schutz vor einer Infektion) und Einsamkeit von schwerstkranken Kindern nach Knochenmarktransplantation (Stammzelltransplantation) mit Hilfe der Telekommunikation erhoben haben.

Im Sammelband „Telekommunikation gegen Isolation" der Herausgeber Jens Loenhoff und H. Walter Schmitz sind die Studienergebnisse vereint bei Springer VS Research 2015, erarbeitet an der Universität Duisburg - Essen, Campus und Klinikum Essen.

Krebserkrankungen bei Kindern unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von denjenigen bei Erwachsenen. Kinder leiden vor allem an Leukämien, Hirntumoren und den typischen kindlichen Tumoren, welche aus embryonalen Gewebetypen stammen, wie z. B. Neuroblastom, Nephroblastom, Retinoblastom und Hepatoblastom. Auch das biologische Verhalten ist bei gleicher histologischer Entität häufig anders als bei Erwachsenen. Hinzu kommt, dass ein Großteil der vorhandenen Zytostatika keine offizielle Zulassung für eine Krebserkrankung im Kindesalter hat. Die pädiatrische Onkologie mit der Palette neuerer Substanzen einschließlich der Hochdosistherapie von Zytostatika mit anschließender Stammzelltransplantation konnte früher tödliche Erkrankungen in über 75% zur Heilung führen. Die Spätfolgen einer Krebstherapie im Kindesalter sind zum Teil beträchtlich.

Zytostatika sind Zellgifte und können nach Jahren neue Tumoren entstehen lassen. Eine Krebserkrankung und Behandlung eines Kindes oder Jugendlichen führt nicht nur zu großer Verzweiflung und Belastung von Patient und Eltern, sondern stellt auch eine enorme Herausforderung für die ganze Familie und das weitere soziale Umfeld des kranken Kindes dar. Hier setzt das Modellprojekt der Kommunikationswissenschaftler der Universität Duisburg-Essen an mit Namen ELF (Eltern, Lehrer, Freunde).

Die Isolation schwerstkranker Kinder

Es wurde ein technisches Modell samt zugehöriger Betreuung entwickelt, das dazu dient, die Isolation schwerstkranker Kinder vor, während und nach einer Knochenmarktransplantation( Stammzelltransplantation) zu überwinden. Denn Kinder leiden in dieser Situation nicht nur unter Schmerzen, Nebenwirkungen und Ängsten. Sie leiden vor allem auch darunter, von ihren Freunden und Familienangehörigen getrennt zu sein und nicht eigenständig tätig zu werden und zu anderen Kontakt aufnehmen zu können.

Die Stärkung des Patienten dahingehend, selbst aktiv sein zu können, ist etwas, was Mediziner und Pflegepersonal nicht leisten können. Beschrieben werden die Entwicklung und alle wesentlichen Komponenten des Modells, sodass es übertragbar wird auf alle möglichen Kliniken, klinischen Situationen und Patientengruppen.

Darüber hinaus zeigt das Buch in Einzelstudien eines Anschlussprojektes wie von Angelika Wirtz umfassend und einfühlsam beschrieben bis zu Sterbesituationen und Trauer - wie kreativ Kinder mit diesen ihnen zur Verfügung gestellten Mitteln beispielsweise der synchronen Videokommunikation umzugehen vermögen, und welchen Beitrag dies zu ihrem Wohlbefinden leistet.

Der Leser bekommt Einblick in die reizarme Lebenswelt des isolierten Kindes und seiner kleinen Umwelt. Anders als Psychoonkologen, Sozialarbeiter, Kunsttherapeuten etc. erfüllen die Wissenschaftler keinen Versorgungsauftrag. Der Effekt „soziale Stärkung des Patienten" ist anders als beim Angebot eines Psychoonkologen unabhängig von einer „gebenden/anbietenden" Person. Das Alleinstellungsmerkmal dieser Methode ist die beraterunabhängige Intervention im Feld.

Es gibt wenige weitere vorstellbare Situationen, die eine so 100%ige Entmachtung einer Person mit sich bringen wie die Situation des isolierten Kindes. Das Telekommunikationsmodell ist so gestaltet, dass die Teilnehmer grundsätzlich gleichberechtigt sind. Jeder Teilnehmer, also auch der schwache und entmachtete Patient, hat die gleichen Bedingungen und Chancen, Kontakt aufzunehmen, zu gestalten und zu beenden.

Tatsächlich führt eine „Bemächtigung" eines isolierten Kindes manchmal zu Irritationen bei Klinikpersonal und auch Eltern, weil es für sie neu ist und außerdem einfacher ist, allein Entscheidungen zu treffen als dem Kind eine Mitsprachemöglichkeit einzuräumen.

HuffPost-Tarif

Europa-Flat, Daten-Flat: Einer der günstigsten Handy-Tarife auf dem Markt

Mit der Spar-Aktion der Huffington Post in Zusammenarbeit mit Chip und Tarifhaus bucht ihr einen Smartphone-Tarif, der preislich kaum zu schlagen ist und eine Vielzahl an Vorteilen bietet.
Mehr Infos findet ihr hier.

Das kommunikationswissenschaftliche Angebot fördert die Handlungsaktivierung des Patienten, zielt nicht auf Ablenkung oder flüchtige Freude ab, sondern auf eine Förderung des sozial-kommunikativen Bedarfs der gesamten Familie.

Die Auswirkungen und möglichen Spätfolgen einer längeren Isolation, die auch bei Komplikationen eintreten können - sind in der Fachliteratur und Belletristik beschrieben. Von „weißer Folter", die schlimmer sei als physische Folter schrieb u. a. Charles Dickens.

Aktuelle Leitfäden für Krisenkommunikation des US-amerikanischen Centers for Disease and Prevention oder im EU-Projekt Crisis Communication and Risk Communication gehen auf die Bedeutung sozialer und mobiler Medien ein - jedoch nicht auf eine Isolation im Kindesalter.

Im Editorial der „Cochrane Library" vom September 2015 betont Gabriel Rada, dass ein Ergebnis des neuen Cochrane Review zur interaktiven Telemedizin eine gleichwertige Ergebnisqualität wie bei einem face-to-face Angebot erbrachte. Bemerkenswert, dass der Rektor der Universität Kairo gerade verfügte, dass die 100 Professorinnen, die mit einem Gesichtsschleier Vorlesungen hielten, diesen ablegen müssen, denn nur mit offenem Gesicht ist eine wirkliche Kommunikation mit den Studenten möglich.

Die Situation ist mit den Bedingungen auf einer Isoliereinheit vergleichbar - sterile Schutzkleidung, die lediglich einen Sehschlitz frei lässt. Im Gespräch mit Barbara Duden und Jean Robert, den namhaften Wegbegleitern des Vordenkers der Sorgekultur und der Gratisgabe Ivan Illich (1926 - 2002) wie die Lebenspartnerin und der langjährige Freund Illichs zu unseren heutigen Fragen der Isolation und ihrer Überwindung bei bestens gemeinter naturwissenschaftlicher Medizin stehen würde, verwiesen sie auf Illichs 2006 erschienenes Werk „In den Flüssen nördlich der Zukunft" bei C. H. Beck: „dass das Zeitalter des Werkzeugs heute dem Zeitalter des Systems Platz gemacht hat".

Der Benutzer wird zum Teil des Systems. Werkzeuge selbst haben nur noch symbolische Bedeutung. Auch als Patient auf einer Isoliereinheit sollte jeder Mensch die Betreuung bekommen, die er braucht - nicht mehr und nicht weniger.

Die Isolation der Patienten ist bei allem medizinischen Fortschritt weiterhin erforderlich, da die individuelle Abwehrlage nach einer Strahlenschädigung oder der vorausgehenden Hochdosis -Chemotherapie zur Stammzelltransplantation massiv geschwächt ist durch eine langdauernde Granulozytopenie (zu wenige Leukozyten) und ein ernstes Infektionsrisiko darstellt.

Aspergillus-Infektionen (Fadenpilze, Schimmelpilze) sind eine der häufigsten Ursachen für Pneumonien (Lungenentzündung) nach hämatopoetischer Stammzelltranplantation. Vor allem sollte jede Staubentwicklung zur Vermeidung von Kontakt zu Aspergillus-Sporen aus der Luft auf Transplantationsstationen vermieden werden wie z. B. Staubsaugen und Fegen.

Auch auf HuffPost:

Dieser Mann wurde blind - wegen eines einfachen Fehlers, den viele jeden Abend machen

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.