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Ich habe meinen Angestellten unbegrenzt Urlaub gegeben - mit erstaunlichen Folgen

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Es ist noch keine fünf Monate her, da habe ich in meinem Startup ein ungewöhnliches Experiment gestartet: das Projekt "Unbegrenzter Urlaub". Jedem meiner rund vierzig Mitarbeiter ist es seitdem erlaubt, so viel Urlaub wie gewünscht zu nehmen - und das zum vollen Gehalt.

Manche Unternehmer würden mich jetzt vielleicht für "verrückt" oder "bald bankrott" erklären. Doch die Auswirkungen des Projekts auf unsere Arbeit sind durchweg gut. Wir haben ein profitables Quartal gemacht und wachsen mit mehr als 100 Prozent.

Wie soll das funktionieren?

Das System ist ziemlich simpel. Natürlich können meine Mitarbeiter nicht unangekündigt ein ganzes Jahr frei nehmen und nach Mexiko durchbrennen. Aber sie entscheiden, wann und wie oft sie sich im Jahr freie Tage nehmen.

Die einzige Bedingung: Sie müssen es mit ihren Teamkameraden absprechen. Alle Angestellten arbeiten bei mir in kleinen Teams aus vier oder fünf Leuten. Damit ich einen groben Überblick habe, wer wie lange weg ist, werden die Urlaubstage in eine offene Liste eingetragen. Das ganze Prinzip basiert auf gegenseitigem Vertrauen.

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Nach fünf Monaten kristallisieren sich zwar noch keine eindeutigen Ergebnisse heraus, aber ich merke, dass meine Mitarbeiter viel selbstständiger arbeiten. Das erleichtert meine Arbeit als Chef ungemein, denn ich muss immer weniger auf niedrigen Ebenen vermitteln.

Besonders fasziniert mich, dass die Teams, die im Schnitt mehr Urlaub nehmen, bessere Ergebnisse liefern. Da sehe ich einen eindeutigen Trend.

Im Büroalltag geht es häufig stressig und chaotisch zu, allein die Möglichkeit selbstbestimmt über seine Freizeit zu verfügen, reduziert das Stresslevel ungemein. So sind meine Mitarbeiter entspannter und arbeiten effizienter.

Missbraucht hat die Regelung noch niemand

Andere Chefs fragen sich vielleicht, wie ich es schaffe, nicht ausgenutzt zu werden. Doch im Prinzip ist das schon die falsche Fragestellung. Ich achte darauf, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die hinter unsere Marke und unserer Arbeit stehen. Gute Ergebnisse belohnen wir mit Team-Boni. Die fallen natürlich weg, wenn man dauernd im Urlaub ist.

Meine Mitarbeiter wissen um diesen finanziellen Aspekt und lassen das auch in ihre Urlaubsplanung mit einfließen.

Missbraucht hat die Regelung bisher noch niemand. Lediglich in einem Fall ist mir aufgefallen, dass der Mitarbeiter niedrige Ergebnisse und viele Urlaubstage hatte. Das eine muss mit dem anderen allerdings nicht zwingend etwas zu tun haben.

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Deswegen spreche ich in solchen Fällen den Menschen an, sage "Hey deine Ergebnisse hinken etwas hinterher, ist alles okay, woran könnte das liegen?" - direkt etwas zu unterstellen, wäre unfair. Diese Art des Managements hat auf das gesamte Team einen positiven Effekt.

Nächster Schritt: Gehälter und Boni offenlegen

Oft werde ich gefragt, wie hoch die Risiken sind, mit der Idee zu scheitern. Doch darüber mache ich mir kaum Gedanken, denn als Unternehmer hat man immer irgendein Risiko. Wichtig ist nur, dass meine Angestellten Urlaub nicht irgendwann für etwas selbstverständliches halten. Darauf liegt mein Fokus.

Denn jetzt mal ehrlich: Ich bin ein 1975er Jahrgang. Meine Erziehung bestand aus der falschen Annahme: Viel bringt viel. Einige meiner Mitarbeiter sind allerdings weitaus jünger und die sehen das ganz anders. Die wollen Freiheit und lassen sich ungern reinreden.

Zu viel Freiheit kann aber auch überfordern. Es ist mir wichtig, dass durch die Regelung niemand die Verbindung zum Geschäft verliert. Also frei nach dem Motto: "Pfffff, läuft nicht, nehm ich halt Urlaub". Meine Angestellten müssen die Botschaft dahinter verstehen und bis jetzt funktioniert das ziemlich gut.

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Deswegen denke ich auch schon über den nächsten Schritt nach. Der wäre, alle Gehälter und Boni offenzulegen. In vielen anderen Ländern ist das schon gang und gäbe - bei uns bleibt es ein sehr heikles Thema.

Ich möchte, dass meine Grundidee hinter dem Konzept verstanden wird. Dann muss ich aber auch alle Mitarbeiter an meinem Entscheidungsprozess teilhaben lassen. Das Risiko liegt in der Frage, ob sie das können und wollen.

Doch am Ende ist alles ein Risiko - man muss sich nur für eins entscheiden und es dann durchziehen!

Das Gespräch wurde von Julius Zimmer aufgezeichnet.

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