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Warum meine Mitarbeiter nächstes Jahr unbegrenzt Urlaub bekommen werden

29/12/2016 21:25 CET | Aktualisiert 29/12/2016 23:15 CET
Sam Edwards via Getty Images

Nächstes Jahr bekommen alle meine Mitarbeiter so viel Urlaub, wie sie für richtig halten. Einige Leute sagen jetzt bestimmt, dass ich dann alleine in meinem Büro in Leipzig sitzen werde.

Aber meine größte Sorge mit unbefristetem Urlaub für Mitarbeiter war immer: dass meine Leute zu viel arbeiten werden. Dass sie sich zu viel Druck machen und am Ende weniger Urlaub nehmen als zuvor.

Dabei ist meine Intention dahinter eine andere: Mir geht es darum, dass meine Mitarbeiter verantwortungsvoll mit ihrer Zeit umgehen. Da reite ich auch intern immer darauf herum: Vergeudet nicht eure Zeit. Denn dann ist meine Firma auch erfolgreich.

Die Leute sollen fokussiert und effizient arbeiten. Dieses Bewusstsein will ich schaffen. Denn verschwendete Zeit ist auch Lebenszeit. Wer die vergeudet, der hat auch privat ein Problem.

Einjährige Testphase

Also habe ich mit drei von meinen vierzig Mitarbeitern eine Testphase von einem Jahr gestartet, um zu sehen, wie sie auf unbefristeten Urlaub reagieren. Man muss die Leute an diese Idee auch hinführen. Das sind sie ja nicht gewohnt.

Hätten die Drei weniger Urlaub gemacht, hätte ich den Test abgebrochen. Dann wäre mein Projekt schließlich gescheitert.

Aber das Gegenteil war der Fall. Die Mitarbeiter haben mehr Urlaub gemacht. Im Schnitt haben sie 30 Tage statt 25 Tage Urlaub gemacht. Sie sind sehr bewusst die Sache angegangen und haben das auch immer stark mit dem Team abgesprochen.

Wie ich auf die Idee gekommen bin

Die Idee mit dem unbegrenzten Urlaub ist keine Neuigkeit. Im Silicon Valley wurde das schon mehrfach ausprobiert.

Vorbild war für mich das Unternehmen Trivago. Die haben dieses Konzept auch angekündigt, das war für mich inspirierend. Ich habe dort aber nur die Ankündigung gesehen, das eigentliche Modell kenne ich nicht.

Mehr zum Thema: Unternehmer zahlt seinen Mitarbeitern jedes Jahr einen Traumurlaub - das hat er nun davon

Ich habe mir für mein Unternehmen dann eigene Ideen zum unbefristeten Urlaub gemacht.

Das ist für mich nicht die nächste stumpfe Startup-Idee, die sich als PR gut verkaufen lässt. Ich glaube sehr daran, dass Mitarbeiter Erfüllung in der Arbeit finden, weil sie ihre eigenen persönlichen Ziele verwirklichen können. Nur wenn die Arbeit ihnen dabei hilft, ihre eigenen Ziele zu erfüllen, sind sie auch motiviert.

Wir haben relativ viele junge Leute. Viele wollen natürlich etwas von der Welt sehen. Warum soll ich ihnen den Urlaub verweigern, wenn ich von ihnen im Gegenzug doppelte Motivation zurück bekommen würde?

Die goldene Mitte

Wir haben bei uns sehr starke Boni-Systeme, also erfolgsbasierte Systeme. Das kommt daher, dass wir mit allen unseren Kunden auch erfolgsbasiert arbeiten. Unsere Kunden sind Hotels, denen wir bei der Vermarktung im Internet helfen.

Der Erfolg eines Kunden hängt natürlich davon ab, wie gut sich ein Mitarbeiter um ihn kümmert. Deswegen habe ich gesagt, dass wir die Mitarbeiter am Erfolg auch über ihr Gehalt beteiligen müssen.

Wenn Mitarbeiter aber von Boni angetrieben sind, habe ich mir gedacht, muss ich aufpassen, dass sie nicht zu viel arbeiten. Ich muss Anreize setzen, dass sie auf sich achten - und genügend Freizeit haben.

Mit den Boni-System und dem unbefristeten Urlaub habe ich gemerkt, dass hier zwei gegensätzliche Motivationen zu einer goldenen Mitte zusammenkommen.

Natürlich hat man Sorgen, dass die Leute das Modell des unbefristeten Urlaubs missbrauchen. Aber wenn ich nicht mal in der Lage bin, meinen Mitarbeitern zu vertrauen, dann ist etwas im Argen, habe ich mir gedacht.

Mit einer Testphase wollte ich sehen, wie drei Mitarbeiter mit ihrer Urlaubszeit umgehen, wenn sie soviel davon nehmen können, wie sie für richtig halten. Und wie der Rest der Firma darauf reagiert.

Selbstsicher und selbstständig

Tatsächlich gab es während der einjährigen Testphase keine kritischen Momente. Es gibt natürlich Regularien für den Urlaub. Keiner kann sich einfach ein Sabbatical nehmen und für ein Jahr verschwinden. Die Leute müssen ihren Urlaub absprechen und auch dokumentieren. Sie können nicht einfach fünf Tage mal irgendwo hinfahren.

Wie die Mitarbeiter damit umgegangen sind, hat mich am Ende überzeugt. Sie haben die Message dahinter verstanden. Sie haben sehr gezielt Urlaub gemacht, waren auch mal längere Zeit weg.

Das hat sich auf sie persönlich auch positiv ausgewirkt. Die Mitarbeiter waren verantwortungsvoller bei Dingen, wo das vorher nicht immer der Fall war. Sie sind selbstbewusster und ausgeglichener geworden.

Eine Mitarbeiterin war vor der Testphase immer eher zurückhaltend und etwas unsicher. Sie hat einen Quantensprung gemacht. Jetzt tritt sie viel selbstsicherer auf.

Insgesamt habe ich bemerkt, ist die Selbstständigkeit angestiegen. Die Leute arbeiten eigenverantwortlicher. Es ist einfach mehr Ruhe eingekehrt. Die Mitarbeiter sind deutlich, deutlich gereift in ihrer Persönlichkeit.

Mehr zum Thema: Das passierte, als ich in meinem Unternehmen den Fünf-Stunden-Tag einführte

Unbefristeter Urlaub für alle

Nach der Testphase haben natürlich die restlichen Mitarbeiter gefragt, ob sie alle jetzt unbefristeten Urlaub bekommen. Das war eine große Frage, da habe ich sie auch bewusst im Dunklen gelassen.

Am Freitag habe ich ihnen schließlich gesagt, dass sie im nächsten Jahr auch so viel Urlaub nehmen können, wie sie für richtig halten. Da war die Freude natürlich groß.

Meine größte Sorge ist, dass die Leute den unbefristeten Urlaub irgendwann für selbstverständlich ansehen. Dabei sollten sie die zusätzliche freie Zeit ja gerade schätzen und den Grund dahinter verstehen.

Die einjährige Testphase war aber genau die richtige Zeitspanne für dieses Projekt. Ich glaube, die Leute haben jetzt verstanden, was ich damit erreichen will. Der Test hat bei ihnen zu einem Bewusstsein geführt, worum es mir bei der Sache geht.

Ich werde also im nächsten Jahr hier sicherlich nicht alleine im Büro sitzen.

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Leonhard Landes.

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