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Warum es so schwer ist, eurem Kind ein Smartphone zu verbieten

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CHILD PHONE
Mädchen mit Smartphone | Getty
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Digitale Kindheit: In welchem Alter sollten Kinder Smartphones haben? Wie wichtig ist es, früh zu lernen, wie Computer funktionieren? Und: Sind Computerspiele nun schädlich - oder gar nützlich? Diese Fragen machen viele Eltern hilflos.

Das will die HuffPost ändern. Wir haben Experten aus allen relevanten Bereichen gesprochen. In Interviews, Analysen und Blogs werden wir das Thema in der aktuellen Themenwoche behandeln.

Aber wir wollen auch eure Meinungen dazu veröffentlichen - wie bringt ihr euren Kindern den klugen Umgang mit den Medien bei? Schreibt uns eure Geschichten und/oder schickt ein Video an Blog@huffingtonpost.de

März 2016: In ihrer Klassenstufe gehört meine zehnjährige Tochter zu einer Minderheit. Nicht ihrer Hautfarbe wegen, oder weil sie eine Lese-Rechtschreib-Schwäche oder sonstige ärztlich attestierte Einschränkungen hat, sondern weil sie kein Smartphone besitzt.

Nicht mal ein simples Tastenhandy haben ihr die Eltern (also wir) bisher erlaubt. Und das in der fünften Klasse! Immer mal wieder spricht unsere Tochter ihren Vater und mich, ihre Mutter, darauf an.

Meine Tochter sammelt Argumente

Anfang April 2016: Im Moment ist die Diskussion wieder entflammt. Nicht im Streit, nein. Meine Tochter ist da sehr geschickt und drängt uns nicht. Aber sie sammelt Argumente, heimlich still und leise.

Und die präsentiert sie uns, wenn wir arglos beim Abendessen sitzen, etwa so: „Morgen Nachmittag wollen wir nach der Schule noch den Tanz für Sport üben. Ich weiß nicht genau, wie lang das geht. Aber ich kann dich ja auch nicht anrufen, Mama, sonst könnte ich dir Bescheid sagen."

Mein Einwand, dass es mir genügt zu wissen, dass sie spätestens um 18 Uhr zuhause ist, wischt sie mit einem Satz beiseite: „Aber Mama, meine Uhr ist doch kaputt. Wenn ich ein Handy hätte, könnte ich da immer nachschauen." Ich gebe zu bedenken, dass ich mich zu erinnern glaube, dass in Schulen im Allgemeinen sehr viele Uhren aufgehängt sind. „Schon, aber die in der kleinen Sporthalle, wo wir üben, ist kaputt!", setzt meine Tochter nach.

Ihre Geschwister hatten in dem Alter auch kein Smartphone

Das ist meine Chance, und ich zögere nicht, sie zu ergreifen. Mit Kopfschütteln wende ich mich an meinen Mann und beginne ein Gespräch über die unzureichende Instandhaltung der Schule. Nicht nur der Zustand der Toiletten ist unzumutbar, sondern sogar die Uhren funktionieren nicht.

Mein Mann nickt zwar beifällig, möchte allerdings nicht in dieses unerschöpfliche Thema und mein Ablenkungsmanöver einsteigen. Vielmehr wendet er sich an unsere Tochter und sagt: „Mama und ich sprechen nochmal darüber, aber deine älteren Geschwister haben mit zehn Jahren auch ein Handy von uns bekommen, also kein Smartphone, sondern einfach was zum Telefonieren und SMSen."

Jetzt kann man im Gesicht unserer Tochter wie einem offenen Buch lesen. Da steht so was wie: „billiges Modell, schwarze Tasten, Tippen statt Wischen, uncool, kein Internet, keine Spiele, keine Musik, nein".

Dann klappt sie ihr Gesicht zu und sagt: „Ich will aber ein Smartphone. Alle in meiner Klasse haben ein Smartphone und kein doofes Handy. Ich zahl auch was vom Taschengeld dazu." Damit kommt sie meinem nächsten Einwand zuvor. Mit dem Geld-Argument kommen wir also hier nicht weiter. Ich muss mir Hilfe holen, am besten aus dem Internet.

Das raten uns andere Eltern

Am Abend gebe ich bei Google "Smartphone Kinder" ein. Google schlägt mir vor, den Suchbegriff auf "Smartphone kindersicher machen" oder "Smartphone Kinderarbeit" zu erweitern. Ich bleibe bei meiner Eingabe und bekomme 22 Millionen Ergebnisse. Doch schon bald stoße ich auf ganz praktische Ratschläge für Eltern.

Die Angaben sind übrigens weitestgehend derart übereinstimmend, dass ich vermute, der eine hat vom anderen abgeschrieben, weil er genauso ratlos ist wie ich. Gut, dann schreibe ich jetzt auch ab: Handy ab neun Jahren ist okay, aber ein internetfähiges Smartphone wird erst ab 12 Jahren empfohlen, weil Kinder dann die nötige Reife besitzen.

Das erstaunt mich. Mein Eindruck ist, dass selbst ausgewachsene Menschen häufig nicht die nötige Reife besitzen, um sich selbst Grenzen beim Rumdaddeln oder Facebooken zu setzen. Trotzdem, so könnte ich also morgen sagen, wenn meine Tochter fragt: „Habt ihr euch jetzt überlegt, ob ich ein Smartphone haben kann?", sagen: „Nein, damit möchten wir noch warten. Aber wir kaufen dir ein Handy. Dann bist du auch nicht mehr auf die Uhren in der Schule angewiesen, kannst mir schreiben, wenn du länger in der Schule bleiben musst, oder wenn du nach der Schule noch zu einer Freundin mitgehen willst." Das wäre vorerst eine gute Möglichkeit, das Thema zu lösen.

Die Diskussion nimmt eine unerwartete Wendung

Beim nächsten gemeinsamen Abendessen nimmt die Diskussion unerwartet (für die Eltern) eine neue Wendung, als unsere Tochter berichtet: „Lea kriegt von ihrem Patenonkel ein richtiges Smartphone, das neue Samsung Galaxy S7 edge." Ich schaue meinen Mann kurz an, um zu sehen, ob in seinen Augen ein „Wow" aufflackert.

Vielleicht ist er zumindest up to date, was die Neuheiten der Smartphone-Industrie angeht, denn ich bin es nicht. Ich benutze gerne mein Eifönchen und habe es meist bei mir, aber die neuesten Produkte am Markt interessieren mich nicht besonders. „In Gold", schiebt unsere Tochter nach. „Aha", sage ich.

„Ich kann ja mal Tante Krissi fragen. Die bekommt doch jedes Jahr ein neues iPhone oder so was von der Firma. Ob die mir ihr altes schenkt?" Diesmal sind es mein Mann und ich, deren Gesichter offenen Büchern gleichen. Schließlich kennen wir Tante Krissi. Sie stände so einer Idee durchaus offen gegenüber. Was jetzt?

Wir haben uns angewöhnt, uns in solchen Situationen Bedenkzeit auszubitten, das hat eigentlich immer gut funktioniert. Gleichzeitig sortiere ich schon mal kurz im Hirn einige Möglichkeiten: Das mögliche Geschenk einsacken und bis zum zwölften Geburtstag aufheben, es aus Versehen fallen lassen, am besten in die Toilette, Tante Krissi den Patentanten-Status aberkennen, Tante Krissi um ein anderes Geschenk bitten, oder jetzt ein Handy kaufen oder eben gerade nicht? Nichts davon ist überzeugend.

Wie viel Zeit wollen wir unseren Kindern mit modernen Medien zugestehen?

Die nächsten Tage nutze ich, um mit Müttern und Vätern darüber zu sprechen, wie sie mit diesem Thema umgehen. Beiläufig stelle ich Fragen wie: „Hat Noa eigentlich schon ein Handy?" oder „Wie macht ihr das eigentlich mit Handy, Computer und so?" Es zeigt sich, dass die Terminologie in der Elterngeneration verwaschen bis ungenau gehandhabt wird.

Noas Mutter antwortet beispielsweise mit „Ja, ja, sie hat seit einiger Zeit ein Handy". Es stellt sich bei näherem Nachfragen heraus, dass es sich um eines der neuen Smartphone-Modelle handelt. Oder: Laut Lions Vater darf der Sohn täglich seine Mails am Familien-PC checken, besitzt aber für den Schulweg ein „simples Tastending".

Das mit dem simplen Tastending stimmt, aber dafür gilt Lion unter seinesgleichen als Crack in Minecraft - dank der WiiU, die zuhause im Wohnzimmer angeschlossen ist. Geht es also eigentlich auch darum, wie viel Zeit wir unseren Kindern mit modernen Medien zugestehen wollen?

Eine weitere Baustelle in unserem Familienleben

Mitte April 2016: Ehrlich gesagt, würde ich gerne einfach so kleines schwarzes Tastentelefon kaufen, mit dem man telefonieren kann, SMSen, ein paar Spielchen spielen und das sogar eine Uhr hat. Es könnte unsere Tochter zur Schule begleiten und nachmittags mit ihr auf unserem Sofa sitzen.

Und wenn ich mich ehrlich nach den Gründen frage, warum es kein Smartphone sein soll, hat das auch mit mir zu tun: Ich hätte eine weitere Baustelle in unserem Familienleben, für die wir gemeinsam Benutzer-Regeln finden müssten - wie oft, wie lang, wann überhaupt? Viel anstrengender wird aber dann der zweite Teil: Die Einhaltung dieser Regeln einfordern!

Denn eins ist klar: Kinder brauchen Unterstützung und Begleitung, wenn Sie sich immer weiter in die weite Welt des Internets hinein begeben, gelegentlich sicher auch mal Kontrolle. Aber wie fit sind mein Mann und ich eigentlich in dieser Hinsicht? Vor welchen Gefahren haben wir denn genau Angst? Das werde ich herausfinden.

Vor einiger Zeit hatte ich in der Schule ein Infoheft von der Polizei zum Thema „Kinder sicher im Netz" in der Hand. Also: Ich frag dann mal jemanden, der sich damit auskennt. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten.

Und ich werde noch jemanden fragen: Meine Tochter. Vielleicht mag sie mir erzählen, warum ein Smartphone für sie wichtig ist und warum sie gerne eines hätte - denn die Uhr da drin ist es nicht, glaub ich.

Das neueste Buch der Autorin heißt "Starke Kinder brauchen Regeln. Klare Grenzen - entspannte Familie. Mit kleinen Veränderungen viel bewirken." Es erscheint im Humboldt Verlag.

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