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Die Rache des kleinen - dschihadistischen - Mannes: Extremisten stürzen Europa in einen Kampf der Kulturen

20/06/2017 16:38 CEST | Aktualisiert 20/06/2017 16:39 CEST
Stringer . / Reuters

Hatte Samuel Huntington doch Recht? Der berühmte amerikanische Politikwissenschaftler prophezeite 1993 den "Zusammenstoß der Kulturen". Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts würden die Konflikte der Zukunft aus kulturellen Verschiedenheiten entstehen.

Mit besonderem Nachdruck erinnerte er an die "blutige Grenze" zwischen Europa und dem Islam. Huntington starb 2008. Bereits seit dem Terroranschlag in New York vom 11. September 2001 konnte er sich bestätigt fühlen.

Seit ein Terror, der sich selbst aus dem Islam rechtfertigt, auch in Europa Alltag wurde, scheint seine These weiter gefestigt.

Die Rache des kleinen - dschihadistischen - Mannes

"Scheint" - denn hinter der Fassade spektakulärer Gewaltakte wird eher Schwäche als Stärke sichtbar. Wo ist die Front? Zwischen der "islamischen Welt" und dem Westen? Wie würde sich dann aber der der blutige Konflikt erklären, der zwischen den sunnitischen Dschihadisten und dem schiitischen Islam verläuft?

Die sich langsam dem Ende nahende Schlacht um Mosul spricht Bände: Die schiitischen Milizen sind die Speerspitze gegen die Horden des "Islamischen Staates". Der jüngste Terrorakt im Parlament in Teheran muss als Rache des kleinen - dschihadistischen - Mannes gegen die starke schiitische Vormacht gelesen werden.

Auch ist es statthaft, in dem wahl- und zusammenhanglosen Terror der letzten Monate in Europa - zwischen Breitscheidplatz, London Bridge und Champs Élysées - ein diffuses Endspiel zu sehen, das Desperados vor dem Hintergrund des programmierten Endes des Islamischen Staates veranstalten.

Auch Deutschland ist zum Feind geworden

Dabei stehen besonders England und Frankreich in der Visierlinie: Mit den Kolonialmächten von ehedem hat man alte Rechnungen zu begleichen.

Deutschland war demgegenüber weniger exponiert; aber seit sich die Bundeswehr am Kampf gegen die Terrormiliz beteiligt, ist auch Deutschland zum Feind geworden.

Gleichwohl - wie marginal immer - im Gegensatz zum Nahen Osten zwischen Kairo und Kabul - die reale Gewalt in Europa bisher gewesen sein mag; psychologisch könnte die Rechnung der Gewalttäter aufgehen.

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Diese liegt darin, in den europäischen Gesellschaften eine Kluft zu schaffen; europäischen Muslimen ein Gefühl der Marginalisierung hierzulande zu geben.

Im Extrem soll ihnen Furcht gemacht werden, sie würden physisch angegriffen, ja eliminiert. Deshalb müssten sie sich wehren. Der jüngste Terrorakt in London - diesmal seitens eines Nicht-Muslim gegen Muslime - verheißt nichts Gutes.

"Ich will alle Muslime töten", soll er gerufen haben. Das ist so richtig nach dem Geschmack der selbst ernannten Dschihadisten.

Deutschland ist von einem solchen antiislamischen Bauch- und Wutgefühl nicht frei geblieben. In Pegida hat es sich auf der Straße artikuliert.

Die AfD machte die Wut gegen den Islam salonfähig

In der AfD wird es politisch salonfähig. Im Hass auf muslimische Flüchtlinge erfährt es eine gefährliche Eskalation und der Brand von Flüchtlingsunterkünften lässt die Dimension der Gewalt erkennen, mit der zu rechnen ist.

Aus Politik und Gesellschaft heraus müssen Kräfte erwachsen, die der dschihadistischen Gewalt das Bekenntnis zum gedeihlichen Miteinander der Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen entgegensetzen. Was kann, was muss geschehen?

In diesen Tagen ist noch Ramadan. In der Zeit des längsten Tages und der kürzesten Nacht von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang nicht zu essen und zu trinken, ist die denkbar härteste Form des Fastens.

Wer über die Jahre die Gemeinsamkeit mit der muslimischen Gemeinschaft sucht, wird feststellen, dass Muslime den Fastenmonat auch als Chance betrachten, sich in der Gesellschaft insgesamt heimisch zu machen. Einladungen zum Fastenbrechen (iftar) sind Normalität geworden.

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Es ist an dem nichtmuslimischen Teil der Gesellschaft, dies als ein Angebot zu verstehen, die Lebensweise als Muslim als konstituierenden Bestandteil einer toleranten Gesellschaft einzubringen.

Einen "anderen Islam" zu zeigen war auch das Anliegen der Gründerin der "Ibn Rush - Goethe - Moschee" am 16./17. Juni in Berlin. Seyran Ates, türkisch-stämmige Anwältin und Frauenrechtlerin, will als Imamin für die Gleichheit von Mann und Frau auch bei der Ausübung der islamischen Religion werben.

"Grüß Gott, Frau Imamin", titelte eine deutsche Wochenzeitung. Und gleichzeitig demonstrierten in Köln etwa 2000 Muslime gegen den Missbrauch ihrer Religion zur Rechtfertigung von Gewalt.

Beide Veranstaltungen mögen in sich gesamtgesellschaftlich marginal gewesen sein; gleichwohl senden sie zwei wichtige Botschaften: Die nicht-muslimische Öffentlichkeit muss die dynamische Bewegung wahrnehmen, in die große Teile der islamischen Gemeinschaft in Deutschland geraten ist.

Islamische Verbände spielen den Radikalen in die Hände

Auch beklagen die Spitzen der islamischen Verbände zu Recht, dass ihre vielfältigen Anstrengungen, sich aufs schärfste vom Missbrauch ihrer Religion zu distanzieren, in der Öffentlichkeit nicht genug wahrgenommen und gewürdigt worden sind.

Zugleich aber müssen diese Verbände sich öffnen für die theologische Erneuerung, die an den Instituten für Islamische Theologie an deutschen Universitäten eingesetzt hat.

Indem sie sich dem noch immer verschließen (oder nah an ausländischen Regierungen und theologischen Zentren sind), leisten sie einer Wahrnehmung in der Öffentlichkeit Vorschub, die den Islam als modernisierungsfeindlich, antimodern und in seinem Wesen potentiell gewalttätig wertet. Ungewollt spielen sie in die Hände der Radikalen.

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Die Krise, die sich im Zusammenhang mit dem Islam - sowohl in der islamischen Welt selbst als auch in Europa aufgetan hat, hat komplexe Ursachen, die in politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Umbruchprozessen wurzeln.

Huntington hat das erkannt. Seine Diagnose war nicht unzutreffend. Den Ausweg aus der Krise müssen die Eliten finden. Dazu ist Mut erforderlich.

Und vor allem auch Standfestigkeit, gegen den Stachel jener zu löcken, die die Gewalt gern als Vorwand nehmen, um in ihrem Fahrwasser eine eigene Agenda der Intoleranz durchzusetzen.

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